Nachdem Berta (58) beim Kartenspielen im Gasthaus 50 Euro verloren hatte, ohrfeigte sie daheim ihren Ehemann Hugo (60).
Frau schlägt Mann – der Klassiker also!
Man stelle sich das vor: Der arme, hagere Hugo freute sich so sehr auf die Heimkehr seiner fülligen, blondierten "Holden".
Er deckte liebevoll den wackeligen Wohnzimmer-Tisch, entzündete eine Grabkerze (Tischkerze fand er keine), ließ romantische Hintergrundmusik erklingen, bereitete fürsorglich und erwartungsfroh das Abendessen zu (Würsteln), duschte sogar, parfümierte sich übermotiviert ein, frisierte konzentriert sein verbliebenes Haupthaar – und dann das...!
Gegen 21 Uhr kam seine Berta nach Hause – ihre Augen auf Halbmast. Sie wankte auf ihn zu, umweht von einer Duftwolke aus Zigarettenrauch und Alkoholfahne. Und sie knallte ihm eine! Einfach so. Wort- und grußlos.
Sogleich ließ sie sich, einem Walross gleich, samt schmieriger Leggins, Knitter-T-Shirt, Achselnässe und, wie selbst vom Schlag (oder vielmehr: von der Harpune) getroffen, bäuchlings aufs Bett fallen und schlief, noch einmal tief rülpsend und fortan schnarchend, auf der Stelle ein.
Eine Traumfrau also!
Berta war an diesem Abend offenbar nicht in der Verfassung, auf eheliche Recherche-Fragen wie etwa "Warum kommst du erst jetzt nach Hause?" und "Hast du schon wieder Geld verspielt?" oder auf Behauptungen in der Art von "Du stinkst nach Alkohol!" näher einzugehen.
Vor allem die penetranten "Warum"-Fragen nervten die (mehr oder weniger) feine Dame erfahrungsgemäß zutiefst.
Allein die Tatsache, dass Berta ihren Mann an der Eingangstüre (zwar verschwommen, dafür aber gleich doppelt) vor sich stehen sah, seine bloße Anwesenheit also, veranlasste sie diesmal dazu, seinen drohenden, diesbezüglichen Behauptungs- bzw. Fragenkatalog mittels einer, mehr oder weniger gezielten, Rechten bereits im Ansatz zu unterbinden.
Ja, Berta wurde beim Nachhausekommen vom bloßen Antlitz ihres Mannes getriggert.
Hugo, das Opfer dieser häuslichen Gewalt, ärgerte sich jedenfalls maßlos über das ungebührliche Benehmen seiner Frau.
Mit gefährlich aufgeblähten, nahezu gleich platzenden Zornesadern verließ er, der in vielerlei Hinsicht ausgehungerte Bluthochdruck-Patient, die eheliche Wohnung, stieg wütend ins eheliche Klapper-Auto und überfuhr nur Sekunden später einen entzückenden, zwei Jahre alten Kater namens "Flecki".
Unabsichtlich.
Weil er nicht aufgepasst hat. – Der Hugo.
Sonnenklar, dass, angesichts dessen, die kleine Carla (6) ihren plattgemachten Vierbeiner mit, seitlich aus den Augen spritzenden, Kindestränen lauthals betrauerte.
Auch Carlas Eltern weinten (teils aus Solidarität) mit.
Am nächsten Morgen sah sich Klein-Carla psychisch völlig außerstande, den Pflichtschul-Unterricht zu besuchen. Um ihrer Tochter daheim seelischen Beistand zu leisten, meldete sich Carlas Mutter in der Firma, für die sie arbeitete, kurzerhand krank.
Nach ein paar Wochen im Krankenstand wurde sie dort gekündigt und fand keinen neuen Job.
Das Haushaltsbudget wurde knapp. Carlas Eltern stritten immer öfter miteinander.
Alkohol.
Spielsucht.
Und ein spontaner Seitensprung mit dem Briefträger! (Carlas Vater kann es bis heute nicht fassen, dass ihm, dem bekennenden Hetero, so etwas passieren konnte.)
Scheidungskrieg: Streit um das Sorgerecht, zumal kein Elternteil die Obsorge für das hysterisch-trauernde und somit recht zeitintensive Problem-Kind zugesprochen bekommen wollte.
Zwangsversteigerung des vom Keller bis zum Schornstein hochverschuldeten Hauses. Und, aus Kostengründen, ganz sicher kein tröstliches Ersatz-Haustier für die Kleine. Nicht einmal ein goldiger Goldfisch.
Das alles wäre – und jetzt kommen wir endlich zum Punkt dieser Geschichte – mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit nicht passiert, hätte die dicke Berta ihren armen Hugo nicht reflexartig geohrfeigt, sondern sich, zum Beispiel gleich bei der Eingangstüre, quasi aus dem Stand, ihrer ehelichen Pflichten besonnen oder sich bei ihrem hageren "Würstel" zumindest fürs bereitstehende Gleichnamige bedankt.
Bzw. wäre das alles eher auch dann nicht passiert, wenn sich Hugo, trotz erhaltener Ohrfeige, im Griff gehabt hätte.
Denn dann hätte er die Wohnung nicht völlig außer sich in Richtung Klapper-Auto verlassen, und die Kettenreaktion an Katastrophen wäre ihm und uns allen erspart geblieben.
Kurzum: Wer seine Triggerpunkte aufarbeitet, wird sich zusehends selbst beherrschen können; sich gegebenenfalls zurücknehmen oder zurückhalten.
Wut und Jähzorn paaren sich nicht gerne mit Vernunft.
Ein chinesisches Sprichwort lautet:
"Wenn du in einem einzigen Moment des Zorns geduldig bist, ersparst du dir hundert Tage des Kummers."
Die Beherrschung des Körpers, des Geistes, der Gedanken lässt sich trainieren!
Wie?
Zum Beispiel mit Atemübungen: Ein paarmal tief durchatmen ...!
Den Krisenherd verlassen und an die frische Luft gehen! (Den Rest erledigen ggf. Anwälte.)
Mögliche Wurzeln z.B. für Wutausbrüche in der eigenen Vergangenheit erkunden!
Vielleicht ist es mangelnde Wertschätzung, unter der man schon sehr lange leidet.
Oder es wird ein Gefühl der Hilflosigkeit bzw. Enttäuschung getriggert, weil man vor vielen Jahren einmal wirklich hilflos war oder maßlos enttäuscht wurde.
Auch Meditation kann helfen.
Ein schwacher Geist verrät sich jedenfalls gerne in Form eines unruhigen Körpers...
Wer sich selbst beherrscht, kann auch andere, zum Beispiel Mitarbeiter, besser führen.
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A begegnet seinem bekanntermaßen aggressiven Bekannten B.
A: "Hallo! Ich habe gehört, du absolvierst ein Anti-Aggressionstraining...?"
B: "Ja."
A: "Und, wie ist es?"
B: "Super! Ich war bereits 300-mal dort...!"
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