Meine erste Interviewvereinbarung mit einer historisch bedeutenden Persönlichkeit traf ich mit Dr. Rudolf Kirchschläger. Er war zweimal österreichischer Bundespräsident und lebte von 1915 bis 2000.
Es war Anfang der 1990er-Jahre. Kirchschläger hatte sich aus der Öffentlichkeit bereits weitgehend zurückgezogen. Ich blätterte im Telefonbuch und rief ihn an. Er hob ab.
Ich: "Grüß Gott, Herr Doktor Kirchschläger! Mein Name ist Gerald Vukits. Ich plane eine neue Zeitungsserie, in der große Österreicher über ihre Karrieren erzählen. Und ich würde Sie so gerne interviewen!"
Kirchschläger: ",Große Österreicher' sagen Sie? Naja, ich bin einen Meter 83 groß. Wenn das genügt...?"
Nach einem überaus netten Interview ein paar Tage später begleitete mich der Alt-Bundespräsident zur Eingangstür seines Hauses. In der Garderobe zog ich meine Schuhe an, stellte dabei aber mit Schrecken fest, dass ich ihm zuvor, beim Eintreten, herbstliches, gatschiges Laub in das saubere Haus getragen hatte.
Ich glaub', Hundekot war auch dabei.
Entsetzt rief ich: "Jessas! Herr Doktor, ich habe Ihnen alles schmutzig gemacht...!"
Sofort kniete ich mich hin und begann, mit bloßen Händen, zumindest das Laub aufzuklauben.
In diesem Moment zog mich der Alt-Bundespräsident äußerst sanft wieder hoch und befahl mir mit seiner typisch zittriger Stimme: "Lassen S' das liegen!"
Ich aber bückte mich erneut und widersprach dem ehemaligen Staatsoberhaupt mit den Worten: "Aber, den Schmutz habe doch ich hereingebracht!"
Daraufhin meinte Kirchschläger: "Lassen S' das! Das Laub liegt in meiner Wohnung – also ist es mein Laub."
Dieser Logik folgend, zog ich sodann "seine" Schuhe an und ging nach Hause.
PS: So klingt es, wenn ich die Stimme von Rudolf Kirchschläger parodiere (Hörprobe)...
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