Glücklich verzichten (1)

Nachdem ich als Journalist fast 25 Jahre lang anderen Menschen mehr oder weniger intelligente Fragen gestellt hatte, kam ich eines abends auf die Idee, mir selbst welche zu stellen. Quasi zur Abwechslung. 

Ich war allein daheim, saß auf der Terrasse, der laue Sommerabend war herrlich – und die erlesene Bouteille vor mir am Gartentisch war auch nicht mehr prall gefüllt. 

Langsamen Schrittes näherte ich mich meinem 50. Geburtstag – also ließ ich mich mit Musik aus den 1950er-Jahren inspirieren: Elvis, Paul Anka, Dean Martin, Sinatra,…

Gegen Ende meines vierten Lebensjahrzehnts habe ich mir erstmals selbst ein paar nicht ganz unwesentliche Fragen gestellt. Fragen, wie zum Beispiel: 

Wie viele Leben in dieser Form, hier auf Erden, in meinem Umfeld, habe ich eigentlich? 
Die Antwort war erstaunlich. 

Wieviel Zeit bleibt mir noch? 
Hm…? 

An wem liegt es, dass ich ab sofort das Bestmögliche aus meinem Leben mache? – Nach und nach. Schritt für Schritt… 

Wer ist für mein Glück in erster Linie verantwortlich? 
Bin ich es gar selbst? 

Wie glücklich bin ich derzeit auf einer Skala von 1 bis 10? 
1 bedeutet: Ich bin total unglücklich.
10 bedeutet: Ich bin total glücklich. 

"Und? Wie glücklich bin ich?", fragte ich mich und hakte, nach einem weiteren Schluck, nach: 

Warum ist das so? 
Warum geht es mir derzeit so? 
Kann ich es ändern? 
Will ich es überhaupt ändern? 
Wie? 
Was kann ich tun, damit sich meine Lebenssituation im Nu verbessern kann? 
Was würde ich gerne am liebsten tun? 

Ich stellte mir einen Bildhauer vor, der einen riesengroßen Steinbrocken vor sich hat und daraus gerne eine Skulptur erschaffen möchte. Was macht der Bildhauer? 

Er schlägt dem Stein alles Unnötige weg, bis am Ende nur noch der Rest übrigbleibt. Und der Rest, das ist nicht mehr und nicht weniger als seine wunderbare Skulptur! 

Glaube auch ich daran, dass ein Geheimnis von Glück und Erfolg im Verzicht liegen kann? 

Im freiwilligen Verzicht? Im konsequenten Verzicht? Im Verzicht auf Unnötiges? Im Verzicht auf all' das, was mir nicht guttut? Im Verzicht auf Dinge? Aber auch im Verzicht auf Menschen? Im Verzicht auf den Umgang mit gewissen Menschen? 

Möchte ich gerne ausmisten? Sowohl im Äußeren als auch in meinem Inneren? Hat Ausmisten etwas Befreiendes an sich? Wenn ich etwas weggebe, schaffe ich dadurch automatisch Platz für Neues? 

Ich erinnerte mich: Einmal besuchte in einen internationalen Top-Manager in seinem Büro. Auf seinem Schreibtisch befand sich praktisch nichts, ausgenommen sein Laptop. "Ich habe immer nur das vor mir, was ich gerade abarbeiten muss", sagte der erfolgreiche Manager. "Alles andere würde mich ablenken und meinen Blick auf das Wesentliche trüben. – Bewusst oder unbewusst." 

Und? Was ist mit mir? 

Schaffe ich es, noch heute durch mein Zuhause zu gehen und mich von einem einzigen Ding zu trennen, das mir nicht guttut? Nur ein einziges Ding, das mich nicht oder nicht mehr glücklich macht? 

Was macht ein kleines Kind, das laufen lernen möchte?
Nun, es macht zunächst den ersten Schritt. 

Bin ich so gut wie ein kleines Kind? Schaffe auch ich noch heute diesen ersten, kleinen Schritt in ein neues, erfüllteres Leben? 

Glücklich und konsequent verzichten…

Schaffe ich es, mich von allen negativen Einflüssen nach und nach einfach abzuwenden? 

Was nützt es meinem eigenen Leben wirklich, wenn ich mich weiterhin zum Beispiel der medialen Informationsflut aussetze?

Katastrophenmeldungen aus aller Welt. Brutale Verbrechen. Belangloser Tratsch und Klatsch. Was nützt es mir, wenn ich das alles erfahre? 

Womit habe ich meinen Geist in all' den vielen Jahren gefüttert? Warum lasse ich mich derart negativ stimmen? Weshalb lasse ich meine Seele – nach und nach – zerstören? 

Mache ich mir mitunter Gedanken über Dinge, die ich sowieso nicht ändern kann? 

Kritisiere ich mitunter etwas, das mich überhaupt nichts angeht? 

Wieviel Zeit vergeude ich eigentlich damit? 

Weshalb konzentriere ich mich stattdessen nicht ganz bewusst auf all' die schönen Dinge, die die Welt zu bieten hat? 

Die Welt ist so, wie sie ist: Nicht gut. Nicht schlecht.

Die Welt war schon immer so: Nicht gut. Nicht schlecht.

Also warum suche ich nicht bewusst das Schöne?
Damit es mir – und somit auch meinem Umfeld – besser geht? Damit ich glücklicher bin! Damit ich mehr Zeit für das Wesentliche habe! 

Warum lerne ich nicht, so zu denken? Warum trainiere ich es nicht? Warum schaue ich nicht auf mich? Und in mich? Ich kann es doch! Und darf es auch! 

Macht es mich denn wirklich glücklich, wenn ich mich zum Beispiel von Werbebotschaften manipulieren lasse?

Verbringe ich viel zu viel Freizeit sinnlos vor dem Computer oder am Handy? 

Bin ich praktisch immer erreichbar und verfügbar, wenn es andere gerade wollen

Bin ich mir eigentlich bewusst, wer mir aller meine kostbare Zeit stiehlt? Meine Lebenszeit? 
Minuten. 
Stunden. 
Tage. 
Wochen.
Monate. 
Jahre… 

Füttere ich meinen Geist ausreichend mit geistiger Nahrung wie etwa mit herausragender Literatur, die mir weiterhilft? 

Studiere ich weise Bücher, oder lese ich, wenn, dann "nur schnell mal" drüber, sodass ich das Gelesene eigentlich gar nicht verinnerlichen und somit auch nicht in meinen Alltag integrieren kann? 

Ich weiß, wie alt ein Mensch in meinem Land durchschnittlich wird. Also legte ich vor mir ein Maßband so auf, damit ich eine Länge von 80 Zentimetern vor mir sah. Mit einem Finger zeigte ich auf mein aktuelles Alter und stellte mir die Frage: "Möchte ich die Zeit, die mir – vielleicht – noch bleibt, ab sofort sinnvoller und erfüllter nutzen?" Möchte ich nach und nach alles Unnötige, jede sinnlose Ablenkung einfach weglassen? Worauf werde ich glücklich und konsequent verzichten? Und so weiter… 

*** 

An diesem lauen Sommerabend fasste ich jedenfalls den Entschluss, mein Leben zu vereinfachen. Ich bildete mir ein: Glück und Erfolg liegen im konsequenten Verzicht auf Unnötiges. Glück und Erfolg liegen im konsequenten Verzicht auf Dinge und Menschen, die mir nicht guttun. 

Zum Inhaltsverzeichnis dieser Serie zum Thema "Glücklich und erfolgreich werden" (von Gerald Vukits) gelangen Sie direkt über unsere Einstiegsseite.