Der Gartenschuh und der Schatz 

Es war Mitte März, und die ersten warmen Sonnenstrahlen lächelten in das Haus der Familie Lustig. 

Habe ich dir schon verraten, wer die Familie Lustig ist? 

Nein? 

Das ist die Familie, bei der die Schuhe wohnten. 

Familie Lustig … ist das nicht ein lustiger Name? 

Ja? 

Nein…? 

Na, ich finde schon.

An diesem frühen Samstagmorgen strahlte die Sonne so hell, sodass ein Weiterschlafen nicht mehr möglich war. Und die Familie Lustig wollte auch gar nicht mehr weiterschlafen. 

Die Familie Lustig stand gerne frühmorgens auf. Denn sie wusste, dass durch die morgendliche Kraft der Sonne auch die Kraft im menschlichen Körper am stärksten ist.

Diese Kraft ist so stark, dass man glaubt, Bäume ausreißen zu können. 

Am Morgen ist es sogar möglich, schwierige Gedichte auswendig zu lernen und die schönsten Geschichten zu schreiben. 

Ganz happy und fröhlich ging die Familie Lustig an diesem frühen Morgen in ihre Küche und bereitete ein super-leckeres Frühstück zu. 

Alle halfen mit: Mama, Papa – und die Kinder auch! 

Die drei Kinder in der Familie Lustig hießen Olli, Berli, Didi – und Amy…? 

Amy war die kleine Schwester der drei Kinder. Amy war ein kleines, goldfarbiges Mädchen. Amy war damals sechs Monate alt und ein Golden-Retriever-Mädchen!

Amy war ein kleiner, verspielter und verschmuster Hund.

Die Familie Lustig wohnte in einem kleinen Häuschen mit einem kleinen Garten. Der Garten war so herrlich mit vielen bunten Blumen und Sträuchern angelegt. 

Mitten im Garten befanden sich drei große Bäume. Diese waren so gepflanzt, dass ein Dreieck zu erkennen war.

Auch die Obstbäume der Nachbarn zeigten sich bereits in ihren schönsten Kleidern, in prächtigen Farben. Der Duft des aufkeimenden Frühlings war in jeder Ecke des Gartens, ja sogar in jedem Zimmer des kleinen Hauses der Familie Lustig zu riechen. Es war einfach ein herrlicher Samstagmorgen! 

Mama und Papa Lustig mussten nicht zur Arbeit gehen. Und die Kinder mussten nicht in die Volksschule beziehungsweise in den Kindergarten gehen. Die Familie hatte viel Zeit für sich. 

Also wurde das Frühstück – zum ersten Mal in diesem Jahr – im Garten angerichtet. Es duftete nach frisch gebratenem Speck mit Ei, nach ofenfrischem Gebäck, nach Kaffee, nach heißem Kakao … und der Marmelade-Duft lockte sogar die erste Biene an. 

Außer der Familie Lustig gab es allerdings noch jemanden, der es an diesem herrlichen Frühlingsmorgen kaum erwarten konnte, das Schuh-Haus zu verlassen. Und zwar zum ersten Mal in diesem noch sehr jungen Jahr. Denn der Winter hatte auch ihm schon viel zu lange gedauert… 

Es ist ein ganz ein Schlauer, den ich damit jetzt meine. Dieser ganz Schlaue glaubte, er hätte ein Tarngewand an. Dank seiner grün-braunen Farbe kam er nämlich im Garten an so manche Stelle so nah heran wie sonst kein anderer. 

Die kleinen Garten-Tiere, wie zum Beispiel die Ameisen und die Würmer, flüchteten vor ihm jedenfalls nicht. Weißt du schon, wen ich meine? 

Nun, ich erzähle dir vom super-schlauen, grünbraunen Gartenschuh! 

Dieser Gartenschuh war ein ganz außergewöhnlicher, super-neugieriger Schuh! Nichts und niemand waren sicher vor diesem Gartenschuh. Alles und jeder wurde von ihm entdeckt und sogleich auf Schritt und Tritt verfolgt. 

Jetzt stell' dir das einmal vor: Du gehst mit deinen Freunden in einem Park spazieren, und plötzlich kommt dir von ganz alleine ein grün-brauner Gartenschuh entgegen. Das wäre an sich schon etwas sehr Außergewöhnliches, oder? 

Aber wenn dieser Gartenschuh dann auch noch ein Fernglas bei sich hat und durch die Wiese robbt, dann wäre das doch ein Erlebnis, das dir nicht sobald jemand glauben würde, der es nicht schon selbst erlebt hat, oder? 

So ähnlich war es jedenfalls auch bei der Familie Lustig an diesem ersten warmen Frühlings-Morgen bei ihrem Frühstück im Garten. 

Wie du dir sicher vorstellen kannst, geht es bei einem Frühstück, bei dem fünf Personen um den Tisch herumsitzen, nicht gerade leise zu: Jeder will seine Geschichte erzählen, jeder hat etwas zu sagen. Das ist so ähnlich wie auf einem bunten, lauten Flohmarkt. Von jeder Seite wird gerufen und dazwischengeredet. Und der Familien-Hund hätte natürlich auch etwas zu erzählen! 

Ja, Amy hatte auch etwas zu erzählen! Denn Amy war ein sehr kluger Hund. Amy konnte sogar Zeitung lesen!

Ja, du hast richtig gehört! Amy las Zeitung, indem sie auf dem Boden herumschnüffelte. Das machen übrigens alle Hunde. Und von allem, was die Hunde beim Schnüffeln auf dem Boden sehen und riechen, wollen sie uns danach erzählen. 

Doch an diesem Morgen wollten die Menschen ihrem Hund Amy nicht so recht zuhören. Mama, Papa und die drei Kinder plauderten beim Frühstück miteinander und schenkten ihrem süßen Vierbeiner keine besondere Aufmerksamkeit. 

Amy saß neben dem gedeckten Gartentisch, auf dem gefrühstückt wurde. Aufmerksam wartete sie darauf, bis endlich ein leckeres Stück Speck vom Tisch zu ihr herunterfallen würde. Am besten direkt vor ihre Nase.

Dem grünen Gartenschuh auf Mama Lustigs rechtem Fuß wurde es allerdings schön langsam etwas langweilig unter dem Esstisch. Für ihn war es heute einfach nur fad, was die Menschen miteinander sprachen. Und den, auf Essensreste wartenden, Hund beobachten, das war für den schlauen, neugierigen Gartenschuh auch nicht spannend genug. 

Er wollte endlich ausgezogen werden, damit er sich heimlich auf die Gartenwiese schleichen konnte. Der wissbegierige Gartenschuh wollte die Insekten auf der Wiese beobachten. – Den Ameisen bei ihrer Arbeit zusehen. Und schauen, wie es seinem Freund, dem Regenwurm ging, den er im Vorjahr kennen gelernt hatte. 

Immer, wenn unser Gartenschuh ausgezogen werden wollte, wendete er einen kleinen Trick an: Da begann er nämlich, Mama Lustigs rechten Fuß ein bisschen zu kitzeln und zu drücken. So auch an diesem Morgen. Und dieser Trick des Gartenschuhs funktionierte auch dieses Mal! Denn sofort wurde er von Mama Lustig ausgezogen.

Nun endlich hatte der Gartenschuh "Pause" und konnte sich in die Gartenwiese schleichen. Das bemerkte niemand. Die Menschen frühstückten und plauderten weiter. Und der Hund wartete neben dem Tisch immer noch darauf, dass etwas Essbares direkt vor seine Nase fallen würde. 

Der Gartenschuh ging los. Endlich war er auf seiner Wiese angelangt, in seinem Garten, wofür er eigentlich gemacht war, der grünbraune Gartenschuh, der wegen seiner Farbe von der grünen Wiese und der braunen Erde fast nicht zu unterscheiden war. 

Unter einem Fliederstrauch angekommen, stand der Gartenschuh nun da und genoss die Ruhe und den herrlichen Duft der Natur. Jetzt war er endlich wieder so richtig glücklich! 

Doch diese Zufriedenheit sollte nur einen ganz kurzen Moment andauern. Denn die Geschichte nahm ihren Lauf. Und schon in wenigen Minuten sollte für den Gartenschuh eine der unglaublichsten Geschichten seines Lebens beginnen. Denn so etwas hatte noch kein Gartenschuh zuvor erlebt. Und so etwas wird wahrscheinlich auch kein Gartenschuh auf der ganzen Welt mehr erleben... 

Solltest du jetzt etwas aufgeregt sein, dann nimm lieber einen Schluck Wasser oder Tee! Ich jedenfalls schenke mir gerade eine Tasse Beruhigungs-Tee ein. Denn die brauche ich, wenn ich an diese unglaublich spannende Geschichte denke. 

Nun denn … 

Der Gartenschuh legte sein Fernglas an und begann Ausschau zu halten, welche neuen Mieter dieses Jahr in seinen Garten einziehen würden. Ganz langsam und leise ging er weiter, durch all' die hohen Grashalme, die nach dem Winter noch nicht gemäht waren. 

Als der Gartenschuh sein Fernglas nach oben richtete, sah er am höchsten Baum des Gartens etwas Schwarz-weißes durchblitzen. 

"Was ist denn das?", fragte sich der Gartenschuh erstaunt. "Das wird doch kein Pinguin sein...?" 

In diesem Augenblick schüttelte sich der Gartenschuh und musste über sich selbst ein bisschen lachen. "Nein, das kann kein Pinguin sein! Denn die meisten Pinguine leben doch in der Antarktis, wo es sehr, sehr kalt ist", wusste der Gartenschuh. 

"Hier im Garten wäre es viel zu warm für einen Pinguin. Aber was ist das schwarz-weiß-blitzende Ding in der Baumkrone dann?", fragte er sich. 

Der Gartenschuh legte sein Fernglas kurz beiseite und hüpfte von links nach rechts. Rauf und runter. Und dann von rechts nach links. Das tat er immer, um wieder klarer denken zu können. 

Danach atmete er einmal tief durch. Nun griff er wieder zu seinem Fernglas und blickte abermals zur Baumkrone hinauf. Auf einmal sah er dort keinen "Pinguin" mehr, sondern einen großen, schwarz-weißen Vogel. "Meine Güte, das ist doch eine Elster", murmelte der Gartenschuh, der wirklich sehr schlau war. 

Weil er oft im Garten war, konnte er bereits 19 verschiedene Vogelarten voneinander unterscheiden. Stell' dir das einmal vor: 19! 
Das ist wirklich sehr viel … – für einen Gartenschuh! 

Über die Elster wusste unser Gartenschuh, dass sie eine Größe von 45 Zentimetern erreichen kann. Manche Elstern sind sogar noch größer, manche etwas kleiner. Das ist allerdings ganz normal, und auch bei uns Menschen so. Manche Menschen sind größer, manche kleiner. 

Eine Weile beobachtete der Gartenschuh nun diese Elster. Kurz einmal flog sie weg. Und kam wenig später mit kleinen, fingerdicken Ästen und etwas Reisig im Schnabel zurück. Diese Elster war gerade dabei, ihr Nest zu bauen. 

Ganz aufgeregt beobachtete der Gartenschuh nun auch, wie die Elster plötzlich mit Lehm im Schnabel zurückflog. Der Lehm wurde drei Zentimeter dick in den Nestboden eingearbeitet. Weißt du, Elstern sind ausgezeichnete Baumeister. Ihre Nester sehen kugelförmig aus und halten Wind und Wetter jahrelang stand. 

Außerdem ist die Elster eine sehr gute Beobachterin. Ihr Gehirn zählt zu den höchstentwickelten unter den Singvögeln! Still und ganz unauffällig beobachtet sie andere Vögel beim Verstecken der Nahrung. Und wenn die Elster Futter braucht, wird der Vorrat der anderen Vögel ganz einfach geplündert! 

Warum?

Nun, wenn ihre vier bis sechs Eier gelegt sind, dauert es nur drei Wochen, bis ihre Jungen geschlüpft sind. Und die haben dann natürlich mächtig Hunger. 

Nicht nur andere Tiere, sondern auch wir Menschen werden von der Elster ganz genau beobachtet. Sobald wir etwas irgendwo achtlos liegen lassen, das der Elster irgendwie gefällt, fliegt sie zu diesem Gegenstand hin. Zuerst betrachtet sie ihn ganz genau. Und wenn er ihr gefällt, holt sie diesen Gegenstand ebenfalls in ihr Nest.

Für die Elstern ist das alles ein Paradies: Denn sie fliegen shoppen, ohne dafür etwas bezahlen zu müssen. Sie stehlen einfach. Deshalb heißt es auch: "Diebische Elster!" 

Der Gartenschuh war jedenfalls ganz fasziniert von der Elster in seinem Garten. 

"Doch wer ist das? Den kenne ich doch", murmelte der Gartenschuh plötzlich. Durch sein Fernglas entdeckte er nun seinen Freund, den Regenwurm. 

Der Gartenschuh war besonders stolz darauf, einen Freund zu haben, der mindestens ebenso schlau war wie er. Dieser Regenwurm war ja auch ein äußerst schlauer Wurm. Deswegen verstanden der Gartenschuh und er sich auch so besonders gut. 

Dieser Regenwurm schaffte es jedes Jahr, einer jeden Gefahr aus dem Weg zu gehen. Besser gesagt: aus dem Weg zu kriechen. Darum wurde aus ihm auch ein außergewöhnlich langer Regenwurm. 

Dieser Regenwurm war so lang wie drei Fußlängen von dir! 

Im Nu stand der Regenwurm nun neben dem Gartenschuh und war völlig außer Atem. "Guten Tag, mein lieber Freund! Schön, dich wiederzusehen", grüßte der Gartenschuh freundlich. "Aber was hat dich denn so außer Atem gebracht?" 

Doch der Gartenschuh bekam keine Antwort. Der Regenwurm versuchte zwar, etwas zu sagen, doch dabei kam kein einziges Wort aus seinem Mund heraus. Der Regenwurm pustete und schnaufte nur. 

Also wollte der Gartenschuh seinen Freund etwas beruhigen und sagte, dass ihm dessen neue Schirmkappe, die der Regenwurm trug, besonders gut gefalle. "Danke!", sagte der Regenwurm. Und jetzt war er selbst überrascht, dass er in seiner Aufregung nun endlich wieder ein Wort herausgebracht hatte. 

Der Regenwurm und der Gartenschuh mussten lachen. Und jetzt begann der Regenwurm dem Gartenschuh zu erzählen: "Stell dir vor, mein Freund, was mir passiert ist: Ich wurde von einem Maulwurf entführt!" 

"Nicht möglich", erschrak der Gartenschuh. 

"Doch!", sprach der Regenwurm weiter. "Und der Maulwurf hat mich in seine Speisekammer mitgenommen." 

"Nicht möglich", erschrak der Gartenschuh noch mehr.

"Doch! Und in der Speisekammer des Maulwurfs spürte ich plötzlich einen kalten Schauer auf meinem Rücken. Denn dort lagen sicherlich 900 meiner Artgenossen hilflos in der Erde herum!" 

"Nicht möglich", sagte der Gartenschuh schon wieder.

"Doch!", fuhr der Regenwurm fort. "Die anderen Würmer wurden vom Maulwurf alle so verletzt, damit sie nicht flüchten konnten! Sie konnten sich einfach nicht mehr bewegen." 

Dazu musst du, liebe Leserin oder lieber Leser oder liebe Zuhörerin oder lieber Zuhörer, wissen, dass ein Maulwurf in seiner unterirdischen Vorratskammer bis zu zwei Kilogramm lebendige Regenwürmer sammelt. Bis zu zwei Kilogramm! Das sind ungefähr 1.000 Stück! Kannst du dir das wirklich vorstellen? Ich konnte es jedenfalls nicht.

Der Maulwurf möchte nämlich dann, wenn er Hunger hat, immer frische, saftige Regenwürmer auf dem Speiseplan haben. 

"Aber wie hast ausgerechnet du es denn geschafft, diesem hungrigen Maulwurf zu entkommen?", wollte der sehr aufmerksam zuhörende Gartenschuh nun wissen.

Schließlich wäre sein überlanger "Freund von den Würmern" doch ein wahrlich großer Festschmaus für den Maulwurf gewesen. 

"Oh! Ich hatte ein Riesen-Glück", antwortete der Regenwurm. "Denn ich wurde vom Maulwurf als einziger Wurm nicht gebissen. Der blinde Maulwurf hat mich einfach übersehen. Somit konnte ich die Gelegenheit nutzen und, so schnell ich nur konnte, flüchten." 

Der kluge Gartenschuh hörte aufmerksam zu. Er wusste zwar sehr viel von der Natur, von Pflanzen und Tieren. Aber mit Regenwürmern und Maulwürfen kannte er sich noch nicht besonders gut aus. 

"Weißt du", erzählte der Regenwurm weiter: "Wenn ein Regenwurm von einem Maulwurf in den Kopf gebissen wird, dann kann er nicht mehr weiterkriechen. Somit ist sein Schicksal besiegelt. Und der Regenwurm bleibt dann nur noch deshalb am Leben, damit er frisch bleibt und vom Maulwurf gefressen werden kann. Das ist einfach der Kreislauf der Natur. Fressen und gefressen werden. Anders würden wir alle nicht überleben. Aber das ist noch nicht alles...", fuhr der Regenwurm fort. 

"Denn mein Abenteuer ging noch weiter…" 

"Nicht möglich", sagte der Gartenschuh erneut. 

"Doch möglich!", musste der Regenwurm jetzt schon schmunzeln. Denn immer dann, wenn er weitererzählte, sagte sein Freund, der Gartenschuh, mit staunenden Augen: "Nicht möglich." 

"Denn kaum kam ich an der Erdoberfläche an", erzählte der Regenwurm weiter, "roch ich, wie mich eine Nacktschnecke fixierte. "Sie sah mich mit großen Augen an und ließ mich mit ihrem Blick einfach nicht mehr los. ,Auch das noch …!', dachte ich. Und dann schleckte sie sich ihr nacktes Nacktschnecken-Maul auch noch genüsslich mit ihrer Zunge ab. Ich hatte wahnsinnige Angst, dass mich diese hungrige Nacktschnecke jetzt gleich fressen würde", erzählte der zitternde Regenwurm. 

Doch der Gartenschuh lachte ihn aus: „Ha! Jetzt weiß ich, dass du mir ein Märchen erzählst. Du hast mir nämlich gerade gesagt, dass du die Nacktschnecke gerochen hast. Dabei hat ein Regenwurm doch gar keine Nase. Haha! Märchen-Erzähler! Stimmt doch alles gar nicht, was du mir erzählst." 

"Na heute bist du aber wieder besonders lustig", erwiderte der Regenwurm ein bisschen gekränkt. "Natürlich habe ich keine Nase, so wie andere Tiere eine haben. Aber dafür habe ich in meiner kleinen Mundhöhle sogenannte Sinnesknospen. Und damit kann ich Gerüche wahrnehmen und Gefahren ausweichen. Ich kann also ,riechen', ohne eine Nase zu haben!" 

Der Gartenschuh staunte und sagte…? 
Na, was sagte der Gartenschuh? 
Richtig! 
Er sagte wieder einmal sein, jetzt schon berühmtes: "Nicht möglich." 

"Du hast schon recht", erklärte der Regenwurm weiter. „Nase habe ich tatsächlich keine. Aber ich kann wirklich mit meinen Sinnesknospen riechen! Und das vielleicht sogar noch viel, viel besser als ein Gartenschuh, der zwar klug ist, aber ganz bestimmt auch nicht alles wissen kann. Aber lass' uns jetzt bloß nicht streiten", lachte der Regenwurm den Gartenschuh freundlich an. "Es ist doch so schön, dass du jetzt wieder da bist. Ich dachte schon, die haben dich weggeworfen." 

"Mich und weggeworfen…? Dass ich nicht lache", erwiderte der Gartenschuh. "Dafür bin ich doch viel zu klug. Aber auch ich habe eine große Freude, dich wieder zu sehen", sagte der Gartenschuh zum Regenwurm. "Und ich wollte dich auch ganz bestimmt nicht beleidigen. Entschuldige bitte." 

"Aber, das weiß ich doch. Ich weiß doch, dass du mich gerne magst", schmunzelte der Regenwurm. "Denn sonst wärst du bestimmt schon irgendwann einmal auf mich absichtlich draufgetreten." 

Jetzt mussten beide lachen. Der Gartenschuh und sein Freund, der Regenwurm, standen im hohen Gras und lachten sich unter der Frühlingssonne strahlend an. Sie unterhielten sich blendend. Wahrscheinlich waren sie sogar die besten Freunde, die sie hatten. 

"Aber meine Abenteuer-Geschichte ist noch nicht zu Ende. Sie geht noch weiter…", sah der Regenwurm den Gartenschuh auf einmal wieder ziemlich ernst an. 

Und weißt du, was der Gartenschuh darauf geantwortet hat? 
Richtig! 
Der Gartenschuh hat wieder einmal "Nicht möglich" gesagt. 

"Mein lieber Freund", fuhr der Regenwurm fort: "Bei meiner Flucht vor der hungrigen Nacktschnecke, die mich fressen wollte, habe ich einen Schatz entdeckt!"

"Einen Schatz!?", rief der staunende Gartenschuh. "Nicht möglich." 

"Ja, einen Schatz!", wiederholte der Regenwurm. "Einen richtigen Schatz. Doch bevor ich dir davon erzählen kann, muss ich mich zuerst ein bisschen stärken…"

Sofort reichte der Gartenschuh seinem Freund, dem Regenwurm, ein saftig-grünes Blatt, das der Regenwurm sogleich genüsslich zu kauen begann. "Jetzt habe endlich auch ich mein Wochenend-Frühstück serviert bekommen", schmunzelte der Regenwurm zufrieden.

"Und das muss ich nicht einmal teilen. Es sei denn, du magst von meinem Blatt kosten, lieber Gartenschuh?"

"Aber nein", antwortete der Gartenschuh. "Gartenschuhe essen doch keine Blätter. Aber weil du gerade ,teilen' gesagt hast", sprach der Gartenschuh weiter: "Ich bin zwar sehr schlau, klug und gebildet, wie du weißt, aber: Stimmt es denn eigentlich, dass ein Regenwurm weiterlebt, wenn er selbst geteilt wird? Wenn er zum Beispiel durchgeschnitten wird?" 

Bei dieser unerwarteten Frage blieb dem Regenwurm sein Frühstücks-Blatt beinahe im Halse stecken. 

"Das mit dem Teilen ist so eine Sache", antwortete der Regenwurm. "Das ist so eine grausliche Sache, über die ich beim Essen eigentlich nicht gerne spreche. Aber weil du es bist, verrate ich es dir gerne. Nun: Wenn ein Wurm wie ich geteilt wird, stirbt er meistens an einer Infektion! Wenn er überlebt, dann überlebt nur sein vorderer Teil, weil da der Kopf ist. – Und die Mundöffnung und die Geschlechtsteile." 

"Interessant", sagte der Gartenschuh. "Hoch interessant. Aber jetzt erzähle mir bitte doch endlich von dem Schatz, den du entdeckt hast!" 

Der Regenwurm schluckte seinen letzten Bissen von seinem Frühstücks-Blatt hinunter und sagte: "Hier im Gras, ganz hinten, habe ich diesen Schatz entdeckt. Ich weiß aber nicht, was das genau ist." 

"Das möchte ich mir ansehen", freute sich der neugierige Gartenschuh. Sofort hielt er sich wieder sein Fernglas vor die Augen und ging dem vorauskriechenden Regenwurm hinterher. 

Nachdem die beiden acht Meter weit durchs hohe Gras gewandert waren, sagte der Regenwurm: "Hier! Hier ist der Schatz!" 

Der Gartenschuh traute seinen Augen nicht. Denn vor ihm, zwischen all' den hohen Grashalmen, lag eines der schönsten Dinge, die er jemals gesehen hatte! 

Dieses glitzernde Ding war bereits etwas in den Erdboden eingetreten worden. Deshalb konnte es wohl nur vom Regenwurm entdeckt werden, der sich kriechend direkt auf dem Erdboden bewegt. 

"Was ist denn das?", fragte der Regenwurm. 

"Nun, mein lieber Freund, das ist etwas, das alle – sogar die diebischen Elstern – übersehen haben", schmunzelte der Gartenschuh. "Das ist nämlich ein Ohrstecker."

"Ein Ohrstecker?", fragte der Regenwurm erstaunt. "Was macht denn ein Ohrstecker im Garten-Gras? Da gehört er doch gar nicht hin." 

"Diesen Ohrstecker hat Mama Lustig im Vorjahr verloren", wusste der Gartenschuh zu berichten. "Es ist ihr Ohrstecker! Nachdem sie ihn verloren hatte, war sie wirklich sehr, sehr traurig. Sie suchte ihn überall. Ihre ganze Familie suchte überall. Doch niemand konnte ihn finden." 

"Und jetzt hat sie ihn wieder", meinte der Regenwurm erleichtert.

"Wieso…? Wieso hat sie ihn jetzt wieder?", fragte der Gartenschuh erstaunt. "Ich kann ihr doch nicht einfach ihren Ohrstecker zurückbringen. Die Mama Lustig ist bestimmt längst mit dem Frühstück fertig und sucht mich sicher schon überall. Stell' dir vor, ich spaziere jetzt mit ihrem Ohrstecker quer durchs Gras und Mama Lustig sieht mich. – Mich, einen Gartenschuh, der von ganz allein über die Wiese gehen kann. Da bekommt die Mama Lustig doch Angst! Die glaubt dann, ich bin verhext, und schmeißt mich weg. – Und das ist dann gar nicht lustig. Denn dann sehen auch wir uns nie mehr wieder..." 

"Du hast recht", sah es der Regenwurm nun ein. "Aber was machen wir dann, damit Mama Lustig wieder zu ihrem verlorenen Ohrstecker kommt?" 

"Hm…? Lass mich überlegen…", meinte der Gartenschuh. "Hm…? Hm …?!" 

Der Gartenschuh legte sein Fernglas beiseite und hüpfte abermals von links nach rechts. Rauf und runter. Und dann von rechts nach links. Du weißt: Das tat er immer, um wieder klarer denken zu können. Danach atmete der Gartenschuh einmal tief durch … und plötzlich stand der Hund Amy direkt neben ihm! 

Der Gartenschuh erschrak. Und sein Freund, der Regenwurm, ergriff natürlich sofort die Flucht. Schließlich war der plötzlich auftauchende, sabbernde Hund hundertmal größer als er… 

Doch weil der Gartenschuh beim Überlegen, beim Nachdenken in der Wiese herumgesprungen war, wurde der Hund der Familie Lustig auf ihn aufmerksam. 
Und welcher Hund würde nicht sofort zu einem Gartenschuh, der von ganz alleine in der Wiese herumspringt, hinlaufen? 

Sabbernd und hechelnd stand Amy nun neben dem Gartenschuh. Mit ihrer Schnauze roch sie zuerst an ihm, danach schnüffelte sie neugierig am Ohrstecker im Erdreich, der in der Sonne blitzte. Und dann geschah das Unvorstellbare...

Dann geschah etwas, das vorher noch nie passiert war. – Und das auch nachher nie wieder passiert ist: 

Amy schnüffelte so sehr am kleinen Ohrstecker, dass sie den Ohrstecker mit ihrem linken Nasenloch, so wie ein Staubsauger, aufsaugte! 

Jetzt steckte der Ohrstecker in ihrem linken Nasenloch fest. Aus dem Ohrstecker von Mama Lustig wurde auf einmal ein "Nasenstecker" für den Hund Amy. 

Das sah so ähnlich aus wie ein Nasen-Piercing. Doch welcher Hund möchte schon gerne ein Nasen-Piercing haben? 

Sogleich versuchte der Hund, den Ohrstecker aus seinem Nasenloch wieder hinaus zu blasen. 
Das sah sehr lustig aus. Und so ähnlich, wie wenn sich der Hund schnäuzen würde. 

Doch der Ohrstecker steckte zu fest im Nasenloch. 

Durch das seltsame Verhalten ihres Hundes wurde Mama Lustig nun endlich auf ihn aufmerksam und rief ihn zu sich: "Amy hier!"

Der Hund gehorchte und lief niesend und sich dauernd "schnäuzend" zu seinem "Frauchen" hin. Dabei drehte er sich immer wieder im Kreis. Das Tier wirkte ziemlich verstört. 

Mama Lustig war auch in großer Sorge um ihren geliebten Hund. Sie wusste ja nicht, was mit Amy los war. Mama Lustig schlug ihre Hände über ihrem Kopf zusammen und rief verzweifelt: "Schaut euch bloß den Hund an! Ist der jetzt verrückt geworden? Was ist denn los, Amy?" 

Blitzartig machte sich die ganze Familie Lustig große Sorgen um ihren Hund. Denn beim Niesen verzog Amy ihre Schnauze wie Kaugummi. 

Als Mama Lustig ihrem herbeigeeilten Hund nun aus nächster Nähe ins Gesicht sah, erkannte sie sofort, dass etwas in seiner Nase steckte. Mit einem Griff holte sie das Ding aus Amys Nase heraus. 

Nun sah sie, dass es ihr Ohrstecker war! 

Diesen hatte sie im Vorjahr von Papa Lustig zum Geburtstag geschenkt bekommen. Doch kurz darauf hatte sie ihn verloren. 

"Das ist doch mein Ohrstecker!", rief Mama Lustig vergnügt. "Das ist mein Ohrstecker, den ich verloren habe. Seht her da! Amy hat meinen Ohrstecker gefunden!" 

Sofort stürzte sich die ganze Familie auf den Hund. Alle liebkosten, drückten, lobten und streichelten ihn: "Brave Amy! Super Amy! Tolle Amy!"

Amy wusste gar nicht, wie ihr geschah. Und warum sie auf einmal von allen so umschwärmt wurde. Das war ihr aber auch egal: Denn zur Belohnung bekam sie gleich einen riesengroßen Knochen ins Maul gesteckt, mit dem sie sich reflexartig unter den Gartentisch verzog. Endlich hatte das Leben auch für den Hund wieder einen Sinn…

Amy wusste zwar überhaupt nicht, was sie denn ach so Tolles getan hatte, aber das war ihr auch egal. Hauptsache, sie hatte einen Knochen bekommen. 

"Und meinen Gartenschuh hat die Amy auch schon wieder ins Gras getragen", schmunzelte Mama Lustig, als sie nun durch das Gras zum Gartenschuh hin marschierte, um ihn sich wieder anzuziehen. 

Mama Lustig konnte ja nicht wissen, dass der Gartenschuh von sich aus und ganz allein auf Forschungsreise gegangen war… 

Der Gartenschuh freute sich jedenfalls sehr darüber, dass Mama Lustig ihren Ohrstecker nun wieder hatte.

Darüber, dass alle dachten, der Hund habe ihn gefunden, konnte der Gartenschuh nur schmunzeln. Klar wäre es für den Gartenschuh ebenso passend gewesen, wenn jetzt alle ihn, den Gartenschuh, gelobt hätten. Schließlich war er es doch gewesen, der den Hund zu jener Stelle hingelockt hatte, wo Mama Lustigs Ohrstecker im hohen Gras lag...

Oder war es nicht doch eher der Regenwurm, dem der Dank gebühren hätte sollen? 

Denn eigentlich war es doch der Regenwurm, der den Ohrstecker überhaupt erst gefunden hatte. Er! Und nicht etwa die Elster… 

Doch weil unser Gartenschuh klug war, wusste er: "Es ist ganz egal, wer den Dank bekommt. Hauptsache, ich habe mich selbst bemüht und mein Bestes gegeben." Denn wer Gutes tut, der wird auch Gutes bekommen. Vielleicht geschieht das jetzt nicht gleich und in diesem Moment. Aber später ganz bestimmt! 

Und auch unser Gartenschuh wurde für seine Tat später belohnt. Doch davon – und weil es später war –, kann ich dir natürlich erst später einmal erzählen… 

Schuhwiedu - Das Geheimnis der Schuh' (Inhaltsverzeichnis)


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