Elfriede Ott: Wird man im Alter denn tatsächlich vergessen? 

Die im Juni 2019 verstorbene Schauspielerin Elfriede Ott durfte ich nicht nur bei vielen Theateraufführungen live erleben. Sondern etwa auch in ihrem Haus in Maria Enzersdorf (NÖ) – und 2010 im Spital SMZ-Ost Wien!

Spitalsbesuch bei Elfriede Ott

Damals war sie 84 Jahre alt. Ich hörte von ihrer Knieoperation (neues Kniegelenk). Rief sie sofort am Handy an. Und durfte sie noch am selben Tag am Spitalsbett interviewen.

Das war schon ein komisches Gefühl, als ich vor dem Anklopfen vor ihrem Spitals-Zimmer stand. Normalerweise besucht man ja eher Verwandte und Freunde im Spital. Aber die Ott…? Die berühmte Ott…? 

Ich fand das ziemlich berührend. Denn in dem Moment, als ich die Ott im Spitalsbett, umgeben von medizinischen Geräten, vor mir liegen sah, sah ich mit einem Mal nicht mehr die berühmte Schauspielerin in ihr. Sondern meinen Opa und meine Oma – die früher ebenfalls im Spital waren. – Kurzum, ich sah einen älteren Menschen, der im Moment eben auf fremde Hilfe angewiesen war. Ich finde, es war sehr wichtig, dass sich Elfriede Ott damals von mir im Spitalsbett auch fotografieren ließ. Denn damit sagte sie vielen Spitals-Patientinnen und -Patienten: "Seht her! Ihr seid nicht die einzigen…"

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Als ich Elfriede Ott im April 1994 zu unserem ersten Interview in einem Wiener Kaffeehaus traf, erschien sie mit einem kleinen Hündchen am Arm, und ihr Gesicht war hinter einer dicken Sonnenbrille versteckt. Ganz auf Hollywood-Star! Ich dachte mir: "Na servas! Mit der wird es nicht einfach." Doch es wurde ganz leicht... Immer wieder! Jahrelang! 
Nachdenklich, ernsthaft, traurig, lustig… – Ich durfte die Ott in fast allen Facetten erleben.
Aber sie ist immer fesch und immer DA gewesen! Ein Profi durch und durch. - Die sogar auf der Bühne stand, unmittelbar nachdem ihre Lebensliebe Hans Weigel starb. Unglaublich, diese Disziplin.

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Bereits in frühester Kindheit galt ihr ganzes Interesse der Schauspielerei. Als sie als Mädchen an Scharlach erkrankte und deshalb ins Krankenhaus musste, inszenierte sie gleich vom Spitalsbett aus ihr erstes Theater-Stück: "Die Darsteller waren meine Zimmerkameraden. Das Publikum waren Ärzte und Krankenschwestern."

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Doch einmal sagte sie mir: "Menschen, über die man am Theater lacht, sind privat selten lustig. Maxi Böhm etwa, war einer der schwierigsten Charaktere überhaupt. Ein ungemein ernster Mensch, an den niemand wirklich herangekommen ist. Obwohl wir jahrelang befreundet und vom selben Fach waren, standen wir erst knapp vor seinem Tod im Programm ,Ein Abend für zwei Komödianten' das einzige Mal gemeinsam auf der Bühne. Darin sang Maxi Böhm das traurige Lied ,An jenem Tag'. Das war ein Vorausblick auf seinen Tod! Ich glaube aber nicht, dass er sich umgebracht hat. Er ist an gebrochenem Herzen gestorben."

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In ihrem Buch "Worüber ich lache" (Amalthea-Verlag) erzählt die Schauspielerin Elfriede Ott zahlreiche Anekdoten aus ihrem Leben. Klar, dass ich sie auch dazu interviewte. Hier lesen Sie einen Auszug aus diesem Gespräch:

Frau Ott, im Buch erzählen Sie auch einige Anekdoten über Ihre Fans… 

Elfriede Ott: „Einmal kam eine Dame auf mich zu, schlug ihre Hände vors Gesicht, tat einen Schrei und rief: ,Mein Gott, Sie leben noch …?!'" 

Ähnliches widerfuhr ja dem unvergesslichen Komödianten Alfred Böhm… 

Ott: „Auf ihn kam ein Besoffener zu und sagte zu ihm: ,Also seit Sie und der Farkas gestorben sind, ist das Kabarett nicht mehr das, was es einmal war …' 

Mit dem Alfred Böhm hatten Sie ja auch auf der Bühne Ihre Hetz' … 

Ott: "Und wie! In einer Szene musste er sich auf der Bühne seine Schuhe anziehen, es waren große schwere Schuhe, er konnte es aber nicht mehr. Ich kniete vor ihm und versuchte, seine Füße in diese Schuhe zu bringen. Er hat mir nur zugeschaut und spontan gesagt: ,Du bist mein Weib, du bist mein Weib… Wenn ich dich nicht hätt', bräuchte ich direkt einen Schuhlöffel.'" 

Köstlich ist auch die Anekdote Ihres verstorbenen Ehemannes Hans Weigel, als er zu einer Autogrammstunde für sein neues Buch in eine Grazer Buchhandlung eingeladen war… 

Ott: "Er ist hingefahren und hat in die Auslage geschaut, wo seine Bücher ausgestellt waren. Nachher erzählte er mir: ,Dort ist mein Name gestanden: ,Hans Weigl' – so heiß ich aber nicht. Da hab ich mich umgedreht und bin mit dem nächsten Zug nach Haus' gefahren...' Doch bei einer anderen Anekdote über den Hans Weigel habe ich mir überlegt, ob ich sie überhaupt ins Buch nehmen soll …" 

Welche denn? 

Ott: "Hans Weigel und ich warteten im Künstlerzimmer des Mozartsaals. Er sollte einen Vortrag über die Wiener Volkskomödie halten. Plötzlich hörten wir einen Lacher aus dem Publikum. Wieso, warum, wir haben doch noch gar nicht begonnen? Dann wurde uns bewusst: Ich war sehr sorgsam für sein Outfit und fragte ihn unter anderem: ,Hast du auch dein Hosentürl zu…?' Leider wusste ich nicht, dass das Mikrofon bereits offen war und die Zuschauer im Saal alles mithören konnten..."

In Ihrem neuen Buch sind in der Tat zahlreiche Anekdoten-Juwelen verpackt. So erzählen Sie auch über André Heller, als er sich noch Franzi nannte… 

Ott: „Schon als ich sehr jung war, hatte ich immer die Sehnsucht in mir, zu unterrichten. Meine wenigen Schüler kamen zu mir nach Haus'. Einer von ihnen war Franzi Heller – jetzt der große, von mir sehr bewunderte André Heller. Man spürte in seiner Psyche bereits etwas Außergewöhnliches. Einmal hat mich seine Mama angerufen: ,Bitte, helfen Sie mir Frau Ott, der Franzi hat sich schon wieder einmal im Wohnzimmer aufgebahrt…'" 

Warum hat er das getan? 

Ott „(lacht) Weil er immer schon so abnorme Ideen hatte, hat er wahrscheinlich die Mutter geschreckt." 

Witzig war auch Ihr Gespräch mit Cissy Kraner, damals im Zuschauerraum des Kabarett Simpl… 

Ott: "Bei einer Simpl-Premiere bin ich neben ihr gesessen. Wir führten Theatergespräche. Cissy: ,Ich sag dir, dieses Stück in den Kammerspielen, das jetzt gespielt wird, soll so schrecklich sein, so schlecht und schlecht gespielt.' Ich antwortete: ,Ja, du, das soll grauenvoll sein, schwach und fad und überhaupt ganz miserabel.' Cissy: ,Hast du’s gesehen …? – Jessas, du spielst ja mit!'" 

Frau Professor Ott, sind Sie glücklich, wenn die Leute über Sie lachen? 

Ott: "Ja! Ja! Ja! Jedes Lachen, das mir entgegenkommt, jedes Lachen, das über einen Text mit Anspruch auf Niveau entsteht, ist kostbar und rar! Denn man hat Menschen eine Sekunde aus ihren Gedanken geholt – eigentlich dasselbe Ziel erreicht, das eine Meditation bezweckt! Wenn ich die Lacher zusammenzählen könnte, die ich in meinem Leben erzeugen durfte, wäre ich so reich, dass ich viele Altersheime, Kindergärten und Tierheime ausstatten könnte."

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Im Jahre 2014 besuchte ich die damals 88jährige Elfriede Ott in ihrer Wiener Wohnung. Das war mein letztes persönliches Treffen mit der Künstlerin. Mit Hilfe eines Rollators bewegte sie sich nur äußerst mühsam voran. Theaterspielen konnte sie nicht mehr.

Nachdenklich sagte sie mir: "Es geht mir schlecht! Es geht mir deshalb schlecht, weil ich nicht gehen kann. Sonst geht es mir gut. Aber meine Beine haben versagt. Ich wurde bereits am linken und rechten Knie operiert, und jetzt bin ich ziemlich erledigt. Es wird nicht besser. Es wird sogar schlechter! Eigentlich bin ich sehr verzweifelt. Auf der Straße sprechen mich immer wieder Leute an und sagen zu mir: ,Danke, dass wir durch Sie so viel lachen konnten. Wir haben so viele fröhliche Stunden mit Ihnen erlebt.' Dann denke ich mir: Vielleicht ist es so, dass sich das dann ausgleicht; dass man dann eben gar nicht kann…" 

Was fühlen Sie, weil Sie, wegen Ihrer Beine, nicht mehr so wie früher Theater spielen können? 

Ott: „Es hat mir sehr Weh getan." 

Wie trösten Sie sich? 

Ott: "Gar nicht! Ich bemühe mich, dass ich alles weg tu', das mir Weh tut. Es tut mir vieles weh. Wenn ich in die ,Josefstadt' (das Theater, an dem sie jahrelang auftrat; Anm.) gehe, das tut mir schon Weh. Weil alles fremd ist. Wenn ich so sehe, die jetzigen jungen Leute, das ist wieder ein ganz anderes Ensemble. Das ist alles anders. Ich kenne sie gar nicht richtig. Und sie kennen mich wahrscheinlich auch nicht…" 

Nächstes Jahr steht Ihr 90. Geburtstag bevor… 

Ott: "Ich glaube, da werden sich viele an mich erinnern, die mich jetzt schon vergessen haben…"

Wieso glauben Sie, dass man Sie vergessen hat? 

"Ich habe das Gefühl, dass jetzt schon eine neue Generation da ist, die keine Ahnung hat, was vor ihnen war. Schauen Sie: Ich sehe es an meinen Schülern an meiner Schauspielschule. Ich mache immer den ersten Jahrgang. Und ich bin überzeugt, dass meine Schüler, wenn sie kommen, gar nicht wissen, wer ich bin! Im Laufe der Zeit spricht sich das dann herum… Aber die jungen Leute wissen überhaupt nichts, von dem, was einmal war – in dem Beruf, den Sie erreichen wollen! Glauben Sie, die wissen, wer die Paula Wessely war, oder wer der Attila war? Die wissen nichts! Dabei kann man eigentlich gar nicht erklären, wie das Theater war. Was da für großartige Schauspieler waren…"

Ich werde Elfriede Ott nie vergessen!

"Momente mit Promis" (Inhaltsverzeichnis)

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