Ausmalen

Für die vergangenen Tage hatte meine Frau von ihrer Firma Urlaub bekommen. Also verbrachte sie fünf Tage in einem erstklassigen Wellness-Hotel und ließ sich rundum verwöhnen: Massagen. Bäder. Servierte Mahlzeiten. Frisör. Pediküre. Sauna. Dampfbad. Kurschatten…

Alles Quatsch! Nix Wellness!

In Wahrheit war meine Frau von früh bis spät im Haus und hat: Innenwände abgeschmirgelt, grundiert und ausgemalt. Gegessen hat sie nichts. Getrunken hat sie auch nichts. Und geschlafen hat sie auch nicht. – Fast nicht. Dass sie überhaupt noch lebt, ist ein Wunder.

Neben meinen, jetzt plötzlich natürlich immer mehr werdenden beruflichen Verpflichtungen im gemütlichen Büro, habe ich ihr grundsätzlich natürlich auch hin und wieder geholfen. Beim Spachteln und beim Grundieren habe ich freilich alle zwei Minuten geflucht. Immer wieder sagte ich: "Und ich dachte, belagsfertig heißt tatsächlich belagsfertig..."

Aber meine Frau will eben ganz, ganz glatte, wunderschöne Wände haben. Nach dem Motto: "Wenn du mit der Handfläche über die Wand drüber streichst, so darfst du kein einziges ,Wimmerl' spüren! Denn diese minimale Wölbung der Innenwand würde man sehen, wenn ausgemalt ist. Und das würde dann aber auch so was von stören..."

Vor lauter fassungslosem und höchst genervtem Kopfschütteln bin ich beim wilden Gestikulieren einmal fast von der Leiter gestürzt. Und ein anderes Mal den sechs Meter tiefen Wäscheschacht hinunter.

Doch gestern haben wir Zwei, meine Frau und ich, zwischen 18 und 22 Uhr – sage und schreibe – vier Zimmer grundiert! Zuerst die Zimmerdecken, dann die Innenwände. Und, soll ich Ihnen etwas sagen? Selten zuvor hat mir "das Bier danach" besser geschmeckt! Schon lange war ich nicht mehr so stolz auf mich.

Plötzlich hab' ich fast wieder Muskeln. Und eine Art Selbstwertgefühl schleicht sich in mir auch langsam wieder ein.

Jetzt benötige ich nur noch ein wirksames Mittel, mit dem ich diese klebrige Grundierung, halbwegs schmerzfrei, von meinen Händen hinunter bekomme. – Und von meinem linken Auge.

Andererseits war ich mit dieser "Nummer" im Kindergarten meiner jüngsten Tochter heute der Star. Ich kam hinein und sagte: "Seht her, liebe Kinder, ich kann mir meine Haut von der Hand herunterziehen. Hokuspokus!"

Als daraufhin alle Fünfjährigen reflexartig begannen, mir nachzueifern (und an sich selbst Hand anlegten), ersuchte mich die Kindergarten-Tante, ich möge den Kindergarten bitte nun doch lieber wieder verlassen...

<< Inhaltsverzeichnis * >> Nächste Folge

powered by contentmanager.cc