Conchita Wurst: Der Eklat!

Kurz vor dem Eurovision-Songcontest 2014 führte ich ein Interview mit dem österreichischen Kabarettisten Alf Poier. – Ein Interview, das ein gewaltiges Rauschen im Blätterwald zur Folge hatte. – Zumal sich Poier in diesem Interview über Österreichs damalige Songcontest-Vertreterin Conchita Wurst (dargestellt von Tom Neuwirth) nicht gerade positiv äußerte.

Alf Poier meinte: „Wenn jemand nicht weiß, ob er ein Manderl oder ein Weiberl ist, dann gehört er eher zum Psychotherapeuten als wie zum Songcontest. Mit der ganzen, verschwulten Zumpferl-Romantik kann ich nicht wahnsinnig viel anfangen. Das ist jedem seine Sache, wie jemand seine Sexualität auslegt. Aber dass man das ständig auf die große Glocke hängen muss: ,Ha, wir sind so benachteiligt … und wir sind eine Minderheit', dieses Gesülze geht mir schon derartig auf den Wecker, da habe ich kein Verständnis dafür. Das muss ich ehrlich sagen."

Über Conchita Wursts Songcontest-Lied "Rise Like a Phoenix" meinte er: "Ich finde es ja peinlich! Wenn jemand schon so groß auf Toleranz macht und glaubt, er muss es über ganz Europa hinaus posaunen, dann soll er zumindest in der Lage sein, ein Lied selber zu schreiben und einen Text selber zu schreiben. Doch an diesem Lied sind vier Komponisten beteiligt. Ich meine, Entschuldigung: Künstlerisch ist bei dieser Dame oder bei diesem Herrn oder bei diesem Es oder was immer das ist, eigentlich überhaupt nichts vorhanden. Gar nichts. Das einzig Interessante ist dieser Bart, weil das ein bisserl eigenartig ausschaut. Aber, ob die dort ,Hoppe-Hoppe-Reiter' singt, oder eine Coverversion von der Bundeshymne, ist vollkommen egal. Das ändert überhaupt nichts. Es ist einfach nur, dass diese ganzen Gender-Streaming-Leute und diese ganzen Transgender-Organisationen hinter ihr stehen und das momentan halt extrem pushen."

Weiters bezeichnete Alf Poier, der 2003 beim Songcontest in Riga Platz 6 erreichte, Conchita Wurst als "künstlich hochgezüchtetes Monster" und bekrittelte, dass andere Musiker keine Chance bekommen.

Tags darauf sprach ich mit Conchita Wurst. Auf die Frage, ob sie negative Kritiken treffen, antwortete sie/er:

"Nein! Ich habe einfach gelernt: Wenn man zu 100 Prozent zu sich steht und genau das macht, wovon man überzeugt ist, dann bietet man keine Angriffsfläche! Somit bin ich mir nicht unsicher und denke über das nach. Wir reden jetzt natürlich von nicht konstruktiver Kritik. Denn, bei konstruktiver Kritik, zum Beispiel von meinen Coachs, ist das natürlich etwas anderes. Das nehme ich natürlich gerne an. Aber wenn das niveaulos ist, dann fällt das für mich unter die Grenze der Belanglosigkeit. Und somit schenke ich dem auch nicht wahnsinnig viel Aufmerksamkeit."

In der Nacht von 10. auf 11. Mai 2014 gewann Conchita Wurst den Eurovision-Songcontest für Österreich.

Kurz darauf entschuldigte sich Alf Poier öffentlich:
"Liebe Conchita! In den letzten Tagen wurde ich auf Grund meiner polemisch gemeinten, aber zu hart rüber gekommenen Worte stark kritisiert, und leider auch von ,diversen' Leuten instrumentalisiert. – Nur nicht von Dir selber! Das nenne ich wahre Toleranz. Du bist doch viel mehr als nur ein künstlich hochstilisiertes Toleranzpüppchen. In diesem Sinne bin ich gerne bereit, mich bei Dir für die meinerseits wieder einmal übertriebene Wortwahl zu entschuldigen. Sorry – and good luck!"

Zu diesem Zeitpunkt hatten Conchita Wurst und Alf Poier noch denselben Manager: René Berto.
Das muss man sich erst einmal vorstellen: Der Manager erlebte beim Songcontest mit Conchita Wurst gerade berufliche Sternstunden seines Lebens. Und daheim, in Österreich, wurde ebendiese Wurst von seinem langjährigen Erfolgskünstler Alf Poier äußerst scharf kritisiert. 
René Berto hatte in diesen Tagen wahrlich viel zu tun…

Wenig später – jedenfalls erst Tage nach Wursts Songcontest-Sieg –, wurde die berufliche Trennung von Berto und Poier öffentlich bekannt gemacht.

Mir persönlich hat das Lied, das Conchita Wurst beim Songcontest sang, sehr gut gefallen. Weil es eine Melodie hat. Als er/sie gewann, hat mich das sehr gefreut. Es war das richtige Produkt zur richtigen Zeit. 

Andererseits fand ich es erstaunlich, dass ein im Lande Österreich bekannter Künstler wie Alf Poier im Vorfeld seine extrem kritische Meinung geäußert hatte. Noch dazu, wo er doch denselben Manager hat(te), wie das Ziel seiner verbalen Attacken. 

Beim Interview habe ich Alf Poier sogar darauf angesprochen und ihn gefragt, ob er deshalb eh keine Probleme mit dem Manager bekommen würde. Doch Poier antwortete, dass sein Manager seine Meinung ohnehin kenne.

Was bleibt, ist die Frage, ob es von mir richtig war, Poiers verbale Attacken zur Veröffentlichung weiterzuleiten.

Aber was, wenn nicht …? 

Es hätte doch nur ein anderer Journalist auf die Idee kommen müssen, Alf Poier zu Conchita Wurst zu befragen. Dann hätte dieses aufsehenerregende Interview, das auch in der österreichischen Innenpolitik zitiert wurde, ein Kollege gehabt. Und somit ein anderes Medium.

Da aber letztendlich sowohl Conchita Wurst als auch Alf Poier tolerante Menschen sind, war es im Grunde genommen wohl eh nicht viel mehr als eine Art Theaterdonner, der allen Beteiligten eine zusätzliche millionenfache "Gratiswerbung" in diversen Medien verschaffte.

Mit Alf Poier habe ich seither wieder geplaudert.
Mit Conchita Wurst bislang nicht mehr.

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