Waltraut Haas: In sie war ich schon als kleiner Bub verliebt...

Waltraut Haas in ihrer Küche

Als "Mariandl", als legendäre Filmpartnerin von Hans Moser und Paul Hörbiger, wurde die Wiener Schauspielerin Waltraut Haas unsterblich. 

Als Peter Alexanders "Rössl-Wirtin" im Film "Im weißen Rössl" habe ich sie am zweitliebsten. 

Am liebsten ist mir die Waltraut Haas, wenn sie für mich in ihrem Haus Lasagne zubereitet und mir Kaffee serviert… 

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit dieser außergewöhnlich beliebten Künstlerin und ihrem im Jahre 2011 verstorbenen Ehemann Erwin Strahl sehr viele unvergessliche Stunden erleben durfte. Für mich waren Waltraut Haas und Erwin Strahl ein äußerst unterhaltsames, liebenswertes Ehepaar. Ein Paar, das freilich durch die Hölle ging. Ein Paar, das das Schlimmste erleben musste, das man wohl erleben kann. Bis heute fällt es Waltraut Haas so schwer, darüber zu sprechen...

Waltraut Haas war damals 39 Jahre alt und seit einem Jahr mit Erwin Strahl verheiratet. Ihr größter Wunsch war: ein Kind. Und die "Haasi" war überglücklich, als ihr der Arzt mitteilte: "Frau Haas, Sie bekommen ein Baby!"

Haas: "Doch ich bekam eine Staub- und Blütenallergie. In Folge litt ich an einem Zwerchfell-Hochstand und konnte monatelang nur im Sitzen schlafen. Dann kam auch noch ein schwerer Husten dazu. Ich bekam kaum noch Luft. Der Muttermund öffnete sich bereits im sechsten Monat. Die Wehen setzten ein... Ich habe geblutet und richtig gespürt, wie das Leben aus mir herausging. Die Geburt in einem Krankenhaus in der Ramsau (A) war ganz leicht, und das Baby, mein Michael, fing an zu schreien. Es war so ein süßes Kind. Ein sechseinhalb Monate alter Bub. Schwarze Locken, blitzblaue Augen. Bildschön. Er hatte Wimpern, Nägel, einen Wuschelkopf, das Kind war vollkommen proportioniert. Fix und fertig. Der Arzt sagte: ,Den bringen wir durch!' Mein Kind hat sogar selbst uriniert und wurde zu mir ins Bett gelegt. Doch seine Lunge war zu schwach. Er hätte sofort in den Brutkasten kommen müssen, doch das Spital hatte nicht die nötige Ausrüstung. Es fehlte an Inkubatoren. Und das war dann so merkwürdig: Mein Baby hatte ein blaues Wolljackerl an, auf dem Kopf ein Hauberl. Es hat geschlafen. Doch plötzlich machte das Kind in meinen Armen die Augen auf und hob ein Händchen. So, als ob es sagen wollte: ,Leb wohl, Mama!' Denn dann wurde mein Michael weggebracht... Mein Mann nahm das Kind an sich und fuhr in der Rettung – durch Nacht und Wind – in ein Salzburger Frühgeburten-Spital. Dort waren die Ärzte zunächst sehr optimistisch, doch am dritten Tag versagte die Lunge unseres ersten Sohnes. Plötzlich bekam er keine Luft mehr... Als ich vom Tod meines Sohnes erfuhr, war ich natürlich wahnsinnig deprimiert und total traurig. Er wurde in Salzburg beerdigt. Sein Kind zu verlieren, ist wohl das Schlimmste, das einem passieren kann. Ich glaube, es wäre nicht ganz so schlimm gewesen, wenn es tot zur Welt gekommen wäre. Aber so hatte ich mein Baby ja schon im Arm und habe ihm in die Augen geschaut. Später hat mir der Arzt gesagt: ,Wenn es ein Mädchen gewesen wäre, wäre es wahrscheinlich durchgekommen. Denn die Mädchen sind kräftiger, stabiler.' Nach diesem Alptraum musste ich damit rechnen, mit meinen dann bereits 40 Jahren kein Kind mehr zu bekommen. Und da war ich erst recht verzweifelt. Doch der Arzt meinte, dass ich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ganz jung geblieben sei. Er wollte mich aufbauen und meinte: ,Lassen Sie sich jetzt ein halbes Jahr Zeit, aber dann klappt es wieder, dann werden Sie wieder schwanger!' Ab diesem Zeitpunkt habe auch ich ganz fest daran geglaubt, dass mir der Liebe Gott noch ein Kind schenken würde. Und mein Mann hat mich so aufgebaut. Er hat seine ganze Kraft für mich gebraucht. In dieser Zeit war ich nie allein. Meine Familie, meine Freunde – alle haben sie mich abgelenkt."

Wenig später, am 2. Juli 1968, kam ihr Sohn Marcus zur Welt. Aber auch da drohte ein Drama: Denn im neunten Schwangerschafts-Monat wurden die Herztöne des Ungeborenen plötzlich immer schwächer. Schließlich waren sie überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Kaiserschnitt! Marcus hatte die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt. "Bei einer normalen Geburt wäre er wohl erwürgt worden."

Ob Waltraut Haas manchmal noch an ihren toten Michael denkt, wollte ich 2010 von ihr wissen:
"Natürlich!", antwortete sie. "Manchmal denke ich, ich hätte jetzt vielleicht zwei Buben. Vielleicht hätte ich aber auch nur den Michael und der Marcus wäre gar nicht da. Als der Marcus auf die Welt kam, hat er jedenfalls unseren tiefen Schmerz sofort verdrängt."

Im Jahre 2011 starb zunächst Waltraut Haas' legendärer Filmpartner Peter Alexander ("Im weißen Rössl"), kurz darauf ihr Ehemann Erwin Strahl.
"Als ich Erwins Krankenzimmer betrat, erwischte ich ihn gerade noch vor seinem letzten Atemzug", erzählte mir Waltraut Haas kurz danach unter Tränen. "Es scheint, als ob mein Mann auf mich gewartet hätte…"

Waltraut Haas mit ihrem Ehemann Erwin Strahl in ihrer Bar

Doch so traurig darf es in diesem Kapitel über Waltraut Haas nicht weitergehen. Denn im Laufe der Jahre erzählte sie mir immer wieder zahlreiche heitere Anekdoten aus ihrem Leben! 

Waltraut Haas: "Ich erinnere mich vor allem an meinen väterlichen Freund Hans Moser, der von meinem ersten Film ,Der Hofrat Geiger' an wirklich mein Papa war. Meinen leiblichen Vater habe ich im Alter von fünf Jahren verloren. Der Moser hatte stets seine schützende Hand über mir: ,Die Kleine lasst’s in Ruhe!', hat er immer wieder gesagt. ,Die steht unter meinem Schutz.'"

Wenn Waltraut Haas den Hans Moser zitiert, dann imitiert sie ihn. Dann macht sie seine typische, nuschelnde Stimme nach.

"Mit dem Moser habe ich viel Theater gespielt und insgesamt zehn Filme gedreht", erzählte sie mir. "So zum Beispiel auch ,Hallo Dienstmann'. Wenn der Hans Moser ins Studio kam, dann hat er mitunter so getan, als ob er gar nicht wüsste, welche Rolle er diesmal wieder spielt und welche ich spiele. Bei einer Film-Produktion fragte er mich: ,Und? Was bin ich im Film diesmal zu dir?'
Ich antwortete: ,Hansi, diesmal bist du mein Papa!'
Er freute sich: ,Jö... Der Papa... Das ist aber herzig. Das ist lieb...!'
Ein anderes Mal spielte er meinen Onkel und sagte: ,Was? Nur den Onkel? Na, das habe ich weniger gern...'
Eines Tages fragte er wieder: ,Was bin ich im Film diesmal zu dir?’
Ich sagte: ,Heute bis du mein Opa!’
Daraufhin der Moser: ,Das wird ja immer ärger ... Jetzt bin ich schon der Opa ... Einmal möchte ich deinen Liebhaber spielen – in allen Ehren natürlich...'"

Als herziges "Mariandl" im Film "Der Hofrat Geiger" wurde Waltraut Haas praktisch über Nacht zum Star des deutschsprachigen Nachkriegsfilms. Und das mit erst 19 Jahren! Überall wurde sie hofiert. Haas später: "Ich glaube aber nicht, dass mich die Popularität irgendwie verändert hat. Ich dachte: ,Nur nicht größenwahnsinnig werden, sondern immer schön am Boden bleiben! Denn wenn du da hinaufsteigst, so ist das Gottes Segen und ein großes Glück.' Außerdem drohte mir meine Mutter: ,Wenn du jetzt arrogant wirst, dann hau ich dir heute noch den Hintern aus!' Ich bin damals als ,Mariandl' engagiert worden, nur auf Grund meines Typs. So wirklich schön war ich ja nie … Ich war ein eher pummeliges Mäderl, allerdings hatte ich diese herzliche, kindliche Ausstrahlung. Der Produzent Willi Forst hat sich alle Bewerberinnen ganz genau angesehen, doch blieb er vor mir stehen und sagte: ,Das ist mein Mariandl!’ Ich glaube, die haben damals gar nicht gewusst, ob ich etwas kann oder nicht. Aber mein Typ hat eben gepasst."

Für Waltraut Haas ging es nach der "Mariandl"-Filmrolle erst so richtig los. Rund 70 Filme sollten folgen. Ihren wohl zweitgrößten Filmerfolg fuhr sie im Jahre 1960 an der Seite von Peter Alexander im Film-Klassiker "Im weißen Rössl" ein: Peter Alexander als musikalischer Kellner Leopold. Die Haas als resolute Rössl-Wirtin. 

Als ich, Jahrgang 1968, diesen Film zum ersten Mal sah, war ich gleich in sie verknallt!

Haas: "30 Jahre danach stattete ich dem ,Weißen Rössl’ am Wolfgangsee wieder einmal einen privaten Besuch ab. Da kam der damalige Portier auf mich zu und sagte: ,Wird eh schon Zeit, dass Sie sich endlich wieder um Ihren Betrieb kümmern …!'"

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Als ihr Ehemann Erwin Strahl starb, sagte ich zu ihr: "Waltraut, das war mein erster Interview-Partner, bei dessen Tod ich geweint habe …" Daraus ergaben sich dann Gespräche, die ich niemals weitererzählen werde. 

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Ein paar Monate später trafen wir einander zufällig im Theater. Waltraut Haas sah mich und gab mir spontan ein Bussi auf die Wange. Daneben stand meine Ehefrau Veronika. Als ich sie Waltraut Haas vorstellte, entschuldigte sich Haas bei meiner Frau sofort dafür, dass sie mir soeben ein Bussi auf die Wange gab. Doch meine liebe Frau kennt meine überdimensional große Verehrung für Waltraut Haas und antwortete lächelnd: „Sie dürfen das – jederzeit!"
Am liebsten hätte ich darauf gesagt: "Na dann! Gleich nochmal!" Doch leider begann bereits die Theater-Vorstellung …

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Im Juni 2012, kurz vor Waltraut Haas' 85. Geburtstag, stand ich zum vereinbarten Interview-Termin mit ihr, mit Blumen in der Hand, vor ihrer Haustüre. Pünktlich läutete ich an. Doch niemand öffnete mir. Es vergingen 15 Minuten, ich wollte bereits wieder abreisen, da kam Waltraut Haas mit ihrem Sohn Marcus im Auto angefahren. 

"Was machst denn du da?", fragte sie mich erstaunt. 
Ich: "Na ja, wir haben doch jetzt unser Geburtstags-Interview …"
Sie: "Interview? Jetzt … ? Womöglich mit Foto?"
Ich: "Ja!"
Sie: "Das habe ich total vergessen. Wir waren gerade am Friedhof, beim Erwin …"
Ich: "Dann komme ich eben ein anderes Mal wieder."
Sie: "Aber nein, Gerald! Setz dich auf die Terrasse, der Marcus macht dir einen Kaffee – zum Schminken brauche ich ja nur zehn Minuten …"

Was soll ich Ihnen sagen …? Die Waltraut Haas war bereits nach acht Minuten fürs Foto und Interview bereit. – Ganz spontan!

Marcus musste weiter, er hatte einen Termin, Haas und ich plauderten. Dann führte mich Waltraut Haas in ihr Wohnzimmer und legte eine CD mit ihrem berührenden Lied "So war’s mit den Freunden und mir" ein. Sie stand neben mir und sang spontan mit. Dann sagte sie: "Wenn du willst, Gerald, singe ich dieses Lied bei deiner Buch-Präsentation! – Selbstverständlich ohne Gage."

Als ich sie nun ansah, schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf:
"Ich! Hier! Mit Waltraut Haas! In ihrem Wohnzimmer! Sie singt! Neben mir! Live! Sie sagt das alles zu mir. Waltraut Haas. Die Rössl-Wirtin. Das Mariandl. Hans Moser. Paul Hörbiger. Gunther Philipp. Peter Alexander … Und jetzt, Waltraut Haas. – Hier, in ihrem Wohnzimmer. Neben mir. Und sie sagt das alles zu MIR …"
Das war einer der wundervollsten Momente für mich …

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Am 18. Juni 2012 feierte Waltraut Haas ihren 85. Geburtstag im Restaurant Marchfelderhof (NÖ). Da in Kürze ihr neues Hündchen, ein Zwergpudel namens Puppi, bei ihr einziehen sollte, schenkten ihr meine Frau und ich einen kleinen Geschenkkorb für den Hund. – Mit Leckerlis und so. Außerdem steckte ich Waltraut Haas das folgende Gedicht in den Geschenkkorb. Ein Gedicht, das ich in der Nacht davor, bei einem Glaserl Wein und angesichts einer nicht ausgehen wollenden Kerze, aus tiefstem Herzen verfasste. Ich schrieb ihr:

Sag‘ mal …, gibt es eigentlich schon ein Gedicht … – über Dich?
Ich sag‘s Dir ehrlich – ich weiß es nicht …

Zunächst warst Du für mich „die“ – die Peter Alexander küsst

Und‘s „Mariandl“ warst – viel mehr wusst‘ ich nicht … über Dich …

Mit dem Moser hast Du auch gespielt, okay …

… und mit dem Hörbiger – das ist ja auch recht „scheee“ …

Doch dann, irgendwann …,
habe ich – DICH – kennen gelernt.
Den – MENSCHEN (!) – Waltraut Haas … und da? Hm…?
Da reimt sich jetzt nun gar nix d‘rauf.

Bis auf das, dass ich Dir heute sage:
Ich werde nie vergessen all‘ die Tage …
Wo ich dich sah …
Mal herzhaft lachen …
Doch dann wieder in Momenten, die traurig machen …

Du kannst stolz sein auf Dein Leben!
Und auf all die Menschen, die Dich umgeben.
Auf den Marcus, auf die Leila …
Aber stolz auch auf jene, die wir nun nicht mehr sehen …

Dein Erwin, der ist für immer da!
Denn auch "nachher" – bleibt man einander … besonders nah …

Warum es über "die Haas" womöglich gibt
noch gar kein Gedicht …?
Vielleicht deshalb … weil sie selbst eines ist.

Waltraut Haas las dieses Gedicht ein wenig später, bei sich zu Hause, als sie den Geschenkkorb auspackte. Kurz darauf sprach sie mir auf meine Handy-Mailbox. Sie war gerührt, bedankte sich herzlich und bezeichnete mich als "Schatz".
Ich rief sie nicht zurück.
Zwei Tage danach sprach sie mir ihren Dank erneut auf die Mailbox. Sie sagte, dass sie mein Gedicht über sich inzwischen auch ihren Freunden vorgelesen hatte.
Da rief ich sie dann zurück.
Und da sagte Waltraut Haas zu mir: "Es ist schön, dass ich deine Stimme höre … Du hast mir so viel Freude bereitet mit deinem Gedicht! Aber dass ich selbst ein Gedicht bin, das glaube ich nicht (lacht) … Doch, du weißt, ich hab dich auch sehr gern. Das spürst du, gell …? Ich umarme dich. Und sag deiner Frau, sie hat einen wunderbaren Mann! Deine Frau ist eine Frau, die ich auch ganz entzückend finde … Bitte grüße sie herzlich von mir."

Keine 24 Stunden vor diesen wundervollen Sätzen sah ich mir im Fernsehen eine Wiederholung des berühmten Spielfilms "Im weißen Rössl" an. – Mit Waltraut Haas als "Rössl"-Wirtin und Peter Alexander als ihren, in sie verliebten, Oberkellner Leopold. – Mit Melodien wie "Es ist nun mal im Leben so – und anderen geht es ebenso …"

Mein Herz, liebe Leserinnen und Leser, ist eine Landkarte. Eines der größten Länder auf dieser Landkarte ist und bleibt die Waltraut Haas. „Es ist nun mal im Leben so – und anderen geht es ebenso.“

Übrigens... Immer dann, wenn meine Frau jetzt mit mir schimpft, sage ich zu ihr: "Bei dieser Gelegenheit möchte ich dich nur daran erinnern, was die Waltraut Haas gesagt hat: nämlich dass du einen wunderbaren Mann hast …"

Dazu fallen meiner Frau dann zwar stets Dinge ein, wie "Ja, aber die kennt dich ja nur von ein paar Interviews", aber immerhin kommunizieren – und lachen – meine Frau und ich dann wieder miteinander…
Also danke, Waltraut Haas! Danke für alles!

Anlässlich ihres 90. Geburtstags gestaltete ich dieses Video für sie.

Waltraut Haas mit Gerald Vukits bei einem gemeinsamen Bühnen-Auftritt

"Momente mit Promis" (Inhaltsverzeichnis)

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