Erwin Ringel: Zeitlose, mahnende Worte

Eines meiner ersten Interviews führte ich mit dem berühmten Wiener Psychiater Erwin Ringel. Vor dem Gespräch mit ihm fühlte ich mich als winziger, schwacher Journalist, doch dann sah ich, dass Professor Erwin Ringel noch viel schwächer war als ich...

Seit Erscheinen seines Buches "Die österreichische Seele" (1984) war er der populärste Psychiater Österreichs, Univ.-Prof. Dr. Erwin Ringel. Ein beliebter, weil origineller und geistreicher Diskussionsteilnehmer im In- und Ausland.

1994 starb er.

Kurz vor seinem Tod hatte ich die große Ehre, mit ihm ein ausführliches Interview über sein Leben zu führen. Es war eines seiner letzten Interviews überhaupt. 

Vor diesem Gespräch fühlte ich mich sehr unsicher. Ich dachte: Als Journalist, der ja auf Neuigkeiten und auf "gute Sager" der von ihm befragten Personen aus ist, nimmt man sich ja (auch) vor, sein Gegenüber in irgendeiner Form "einzuwickeln"; seinen Interview-Gegner ... ähm ... -Partner dazu zu bringen, etwas zu sagen, was man als Journalist gut verkaufen kann. – Etwas, das sich gut liest. Dabei ist man mitunter sicher auch berechnend. 

Und jetzt sollte ich ausgerechnet einen erfahrenen Psychiater "einwickeln". Noch dazu einen der bedeutendsten auf der ganzen Welt! - Einen Mann, der es gewohnt war, etwaige Hinter-Gedanken eines Anderen sofort zu verstehen und zu deuten. Geschweige denn, die formulierten Fragen. Erwin Ringel, so dachte ich, würde es natürlich sofort "überreißen", wenn ich versuchen würde, ihn auch nur ansatzweise "einzuwickeln". - Wenn ich probieren würde, etwas aus ihm "herauszukitzeln". Er würde aber auch sofort erkennen, wenn ich etwa in meiner Körpersprache plötzlich unsicher werden würde. 

Kurzum: Ich war plötzlich ganz klein. Fühlte mich als Winzling, als winzig kleiner Journalist. Ich dachte: Hoffentlich habe ich das bald hinter mir.

Als ich dann die Straße zu Erwin Ringels Praxis (in Wien, nahe der Volksoper) hinaufging, hielt gerade ein Auto an. Es brachte den, an den Rollstuhl "gefesselten" Professor herbei. Eine Dame stieg aus und stand an, Erwin Ringel aus dem Fahrzeug in seinen Rollstuhl zu heben. 

Für wenige Augenblicke wusste ich nicht, was ich tun sollte. Denn ich – der winzige Journalist – sah mich plötzlich einem noch hilfloseren, noch schwächeren, kranken, alten Mann gegenüber. Eine Rollenverteilung, die ich in meinen Gedanken bisher noch in keinster Weise miteinbezogen hatte. 

Ich wusste nicht, was ich tun sollte: Sollte ich mich einfach umdrehen und weggehen? Sollte ich so tun, als würde ich es nicht sehen, wie sich die Frau abmüht, den greisen Professor in seinen Rollstuhl zu heben? Die Situation war mir für kurze Augenblicke unangenehm.

Doch schon Sekunden später lief ich zum Professor hin, sagte: "Grüß Gott, Gerald Vukits mein Name. Ich bin der, den Sie gleich treffen sollten! Darf ich Ihnen behilflich sein?" Ich handelte, wie ich es gelernt hatte. Vom Eltern- und Großeltern-Haus. Ringel dankte es mir, ich durfte ihm helfen. Letztendlich war das ein fabelhafter „Gesprächs-Einstieg“. Und der ehrlichste.

Erwin Ringel wurde am 27. April 1921 in Siebenbürgen geboren. Im Alter von fünf Jahren kam er mit seinen Eltern nach Wien. Wie sein Vater, wollte auch Erwin Mittelschullehrer werden. Doch der Herr Papa wusste, dass sein Regime-kritischer Sohn unter der Nazi-Herrschaft als Lehrer kein langes Leben gehabt hätte. Und so inskribierte der Vater seinen Sohn – gegen Erwins Willen und Wissen – im Jahre 1939 an der Medizinischen Universität. Mit dem Argument: Als angehender Arzt müsse Erwin Ringel in dem sich anbahnenden Krieg nicht an vorderster Front kämpfen. Somit hätte er ungleich bessere Überlebenschancen.

Erwin Ringel spezialisierte sich auf Psychiatrie – das allerdings aufgrund eines tragischen Umstandes: Nachdem einer seiner Freunde beim Schwimmen tödlich verunglückt war, wurde dessen Bibliothek im Freundeskreis aufgeteilt. Erwin Ringel erhielt Werke von Jakob Wassermann. Dessen Sicht des Menschen faszinierte Ringel so sehr, dass er beschloss, sein Leben – genau wie Wassermann – der menschlichen Psyche zu widmen. Seine mündliche Doktorprüfung bestand Ringel, ohne auch nur eine einzige Vorlesung besucht zu haben! Der Grund seiner Abwesenheit: Im Hörsaal hatten sich einige seiner Studienkollegen über Geisteskranke lustig gemacht... 

Im Jahre 1951 beschrieb Ringel das weltweit anerkannte "Präsuizidale Syndrom", das heute bezüglich Diagnostik und Therapie in der Selbstmordverhütung (Ringels Spezialgebiet) nicht mehr wegzudenken ist. 

Doch 1959 war Ringels Gehfähigkeit plötzlich eingeschränkt. Alle dachten: "Der Ringel ist erledigt!" Für Erwin Ringel war das das schmerzlichste Kapitel seines Lebens. "Ich habe mich meiner Krankheit geschämt", gestand er mir. Der Verdacht auf "Multiple Sklerose" bestätigte sich jedoch nicht. 

Erwin Ringel gegen Lebensende: "Heute ist es mir egal, wie meine Krankheit heißt, nur ,Multiple Sklerose' ist es ganz bestimmt nicht." Nach Jahren des Schämens hatte Erwin Ringel gelernt, seine Krankheit zu akzeptieren - und plötzlich taten dies auch seine Kollegen!

Erwin Ringel und ich unterhielten uns ausführlich über das Thema Karriere. Und über sogenannte "Karrieremenschen". Das, was mir Ringel damals sagte, sollten sich so manche Firmenchefs (und Mobber) in großen Buchstaben über ihre Schreibtische hängen: Professor Erwin Ringel damals:

„Die Tatsache, dass Menschen ihre Karriereziele eiskalt und ohne Rücksicht auf andere erreichen, bedaure ich sehr. Jemand, der ,oben' ist, hat doppelte Verantwortung gegenüber anderen. Und ich möchte nicht, dass ein ,Eiskalter' an der Spitze steht... Ein Firmenchef, der unfähig ist, zu seinen Angestellten eine echte Beziehung aufzubauen, ist auch nicht fähig, seine Leute zu motivieren! Durch Lautstärke verbreitet er zwar Angst und Schrecken, er beeinträchtigt dadurch allerdings die Kreativität seiner Untergebenen. Und das schadet letztendlich ihm selbst."

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