Robert Hochner: "Einmal habe ich die Wahrheit manipuliert"

Er war mein ORF-"Zeit im Bild 2"-Liebling – doch nach Abdruck eines Interviews mit ihm hatte ich ungeheure Gewissensbisse.

Unser Interview-Termin war rasch und problemlos vereinbart. Der Interview-Ort war der Sitzungsraum neben dem News-Room im ORF-Zentrum am Küniglberg in Wien. Robert Hochner "rauchte" eine kalte Pfeife.

Was mir an Robert Hochner bei unserem Gespräch besonders gefiel, war, dass er zu seinen Mankos stand. Einerseits zu seinen Depressionen. Andererseits aber auch zu seinen zeitweiligen Sprech-Schwierigkeiten auf Sendung. Dass er mitunter – "trotz zahlreicher Rhetorikkurse", wie er betonte – Silben verschluckte, fanden einige vielleicht süß, andere allerdings lästig.

Doch Robert Hochner war mein "News"-Liebling. Und deshalb wusste ich zunächst auch gar nicht, was ich mit seinen folgenden Äußerungen – auf Tonband gesprochen – machen sollte: Hochner sagte nämlich sinngemäß, dass er unmittelbar nach der Atom-Katastrophe in Tschernobyl, 1986 (zu einer Zeit also, als die gefährliche "Atomwolke" auch über Österreich war) ein Strahlen-Messgerät manipuliert hatte! Und zwar vor einer Nachrichtensendung im ORF! 

Hochner, im Interview mit mir im O-Ton: "Manchmal ist die Panik gefährlicher als der Grund dafür. Einmal habe ich deshalb die Wahrheit sozusagen manipuliert! Etwa sechs Tage nach dem Atomunfall in Tschernobyl hatten wir ein Strahlen-Messgerät im Studio. Wir haben vor dem Haus Blätter und Zweige abgerissen. Ich habe das Messgerät hingehalten – und es hat angefangen zu pfeifen. Nicht, weil es so gefährlich war", meinte der Nachrichten-Star, "sondern, weil das Mess-Gerät so sensibel eingestellt war. Es war ja nicht eingestellt auf Tschernobyl, sondern auf die Suche nach normalen Strahlenquellen..."

Robert Hochner weiter: "Wir haben dann einen Schraubenzieher genommen und so lange zurückgedreht, bis es nicht mehr gepfiffen hat. Wir dachten, wenn das Warngerät während der Sendung anspringt, dann bringen sich Menschen um. Dann wird es wirklich gefährlich."

Nach diesem Interview ließ ich diese Aussagen immer wieder Revue passieren. Ich dachte: Der beliebte ORF-Nachrichten-Moderator Robert Hochner hat die Wahrheit manipuliert. Er hat ein Strahlen-Messgerät so lange zurückgedreht, bis es nicht mehr gepfiffen hat. Eigentlich ein Wahnsinn! Der ORF kann uns doch nicht anlügen. Ich war wirklich fassungslos. Oder naiv...?

Robert Hochners Argument, dass er keine Panik aufkommen lassen wollte – okay. Aber andererseits: Was ist im Katastrophenfall besser? Der Bevölkerung – so rasch wie nur möglich – die bittere Wahrheit zu sagen und somit Panik zu riskieren, die darin mündet, dass die Menschen zum Beispiel in ihre Keller flüchten? Oder den Menschen eben die Wahrheit zu verschweigen beziehungsweise diese zu manipulieren und somit in Kauf zu nehmen, dass Menschen Jahre später womöglich an Schilddrüsen-Krebs erkranken?

Wahrscheinlich können nur jene, die das Ausmaß der Strahlenbelastung in Österreich nach der Atom-Katastrophe in Tschernobyl wirklich kannten, die richtige Antwort darauf geben, ob Robert Hochner im Frühjahr 1986 richtig gehandelt hat oder nicht. Titel meiner zwar korrekten, für Hochner allerdings nicht besonders vorteilhaften Story war: "Robert Hochner: ,Ich habe einmal die Wahrheit manipuliert.'" 

Ich werde niemals erfahren, ob Hochner wegen meines Artikels böse war; ob er von seinem Vorgesetzten im ORF-Zentrum womöglich gefragt wurde, ob er denn wahnsinnig sei, so ein "Geständnis" abzulegen. 

Ich jedenfalls hatte die ganzen nächsten Wochen über ein schlechtes Gewissen – immer dann, wenn ich die "ZiB 2" sah und Robert Hochner in die Augen schauen musste.

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Kurz vor seinem Tod im Jahre 2001 sah ich ihn in einem Wiener Kaffeehaus vor seinen Zeitungen sitzen, die er bis zu seinem Tod gelesen hatte. Ich wollte zu ihm hinübergehen und mit ihm über dieses Thema, über unser Interview, noch einmal reden. Doch irgendetwas hielt mich an diesem Morgen zurück. Und das war auch gut so. Denn der schwerkranke Robert Hochner hatte damals wahrlich andere Sorgen. Er starb wenig später an Krebs. – Im Alter von nur 55 Jahren…

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