Unsere erste Jause im Rohbau

Meine Frau, unsere beiden Kinder, unsere Oma – und ich ...

Heute, Sonntag, zelebrierten wir nachmittags unsere allererste Jause in unserem neuen Rohbau-Haus. Bzw. auf der gedachten, 3,5 Meter tiefen und 8,65 Meter breiten Terrasse.
Den Jausen-Tisch bastelten wir uns aus herumliegenden Ziegeln und einem quer gelegten Holzbrett zusammen. Für die Kinder gab es Fertig-Kakao und Schoko-Muffins. Der Rest trank Kaffee. Die beiden erwachsenen Damen nahmen dazu auch noch einen "ziegelgroßen" Marillen-Kuchen zu sich. 

Ich hingegen, bringe keinen Bissen hinunter.
Nach wie vor bin ich viel zu nervös – für alles!
"Kinder, passt auf! Passt auf! Verdammt noch mal: Passt doch endlich auf!"
Ich bin es einfach nicht gewohnt, dass sich meine kleinen Kinder im eigenen "Garten" auf einem spontan zur Verfügung gestellten, etwa 10 Zentimeter schmalen und zwei Meter langen, Holz-Balken, immerhin 20 Zentimeter über dem Erdboden, frei bewegen. Normalerweise sitzen sie um diese Zeit im "kindersicheren" Kinderzimmer am Fußboden und sehen fern.

Ich gebe die väterlich-autoritäre Order aus:
"Horcht mir zu! Kein Kind – aber auch wirklich kein Kind – erkundet die Baustelle, ohne dabei Mama, Papa oder Oma die Hand zu reichen!"

Keine zwei Minuten später höre ich mich rufen:
"Kinder! Kinder! Kinder? Wo seid Ihr denn ...?"
"Verstecken spielen" ist angesagt!

Die eine versteckt sich unter der (immer noch gestützten) Betontreppe in den Keller.
Die andere habe ich bis heute noch nicht gefunden.
(Kleiner Scherz.)

Zurzeit ängstige ich mich eben im Übermaß und zweifle einfach an allem.

"Oh Gott! Die Terrassentüre ist doch viel zu schmal. Ist sie nicht? Oh doch! Oder ...? Zumindest aus diesem Winkel hier", stelle ich auf dem Bauch liegend fest.

"Ist es im nordseitig gelegenen Kinderzimmer denn nicht etwas finsterer, als im südseitig gelegenen? Ist das nicht ein großes Unrecht?"

"Außerdem ist das südseitige Kinderzimmer um etwa 1,3 Quadratmeter größer. Andererseits sieht man von dort aus auch nicht die Straße, wo (irgendwann) die feschen Jungs warten ... Werden vor diesem Haus überhaupt fesche Jungs warten wollen? Hm …?"

Okay, die Kinder sollen nun endgültig selbst entscheiden!
Und zwar jetzt gleich – und sofort!
Mit 5 und 7 Jahren sind sie wohl reif genug dafür.
"Also Kinder, wer mag welches Rohbau-Kinderzimmer haben? Ihr habt soeben beide besichtigt – also entscheidet selbst!"
Zum Glück waren unsere beiden Töchter auch in dieser Frage nicht einer Meinung.
Die Tradition "Wenn die Eine ,rot’ sagt, sagt die Andere ,blau‘", hat sich auch heute fortgesetzt.
Dieses Problem ist also gelöst.
Bingo!

Mal ehrlich: Was wäre denn gewesen, wenn beide auf dasselbe Kinderzimmer hingedeutet hätten? Mit rührseligen Tränen in den Augen? Um kindliche Argumente ringend? Wenn ich geknobelt hätte, dann hätte bestimmt eine der beiden gesagt: "Papa, jetzt hast du aber geschummelt! Also, noch einmal!"
Und so weiter …

Die Ältere hat sich für das Zimmer mit der Beton-Mischmaschine entschieden. Sie blickt künftig auf die Straße – und sieht somit alles, was draußen los ist; wer gerade um Einlass bittet.
Die Jüngere hat sich für das gartenseitige Kinderzimmer entschieden (gleich neben dem elterlichen Schlafzimmer). Quasi im Vorbeigehen hat sie festgestellt: "Das hier ist hier oben einfach das größte Zimmer."

Mit 5 Jahren, auf einen Blick, den Unterschied von etwas mehr als einen Quadratmeter erkennen? – Auch nicht schlecht.

Doch jetzt brülle ich wieder einmal meine Frau an: "Und!!!??? Warum haben wir (!) den Gartenzaun und die Steher schon jetzt bestellt!? Das wird doch erst in zwei Wochen aufgestellt! Nein, die Versicherung zahlt ganz sicher nichts, wenn uns das alles aus dem, nach allen Seiten hin offenen, Rohbau gestohlen wird! Und die Innentür-Zargen für den Keller? Die ersetzt uns wohl auch keiner! Aber, du Frau du, du hast natürlich wie immer recht: Was sind schon 1500 Euro, angesichts der Gesamtkosten…?"

Doch meine Frau trinkt genüsslich ihren Kaffee. Und ich glaube, sie lacht mich auch aus.

Unser elterliches Schlafzimmer ist fairer Weise das kleinste Zimmer im Obergeschoss. Zwar (zufälligerweise) südseitig gelegen, aber trotzdem relativ klein. Kurzum: Wenn einer von uns beiden (aus welchen Gründen auch immer) schnell aufstehen und davonlaufen will, knallt er oder sie mit dem Gesicht gegen die Ziegelwand.

Doch, auch das ist kein Problem – jedenfalls nicht für mich.
Wissen Sie, meine Frau lehnt ja einen Fernseher im Schlafzimmer im Obergeschoss kategorisch ab. Sie sagt: "Im Schlafzimmer möchte ich meine Ruhe haben und sonst gar nix."

Ich aber, mag immer beim Fernsehen einschlafen. Umso langweiliger die Sendung ist, desto besser schlafe ich ein. Also werde ich wohl zumeist im Wohnzimmer unten, im Erdgeschoss, einschlafen. Dort habe ich nämlich viel Platz – und keiner stört mich. Ich schlafe auf der Wohnzimmer-Couch beim Nachtfilm ein und werde vom Morgenprogramm geweckt. Da hat dann jeder das, was er (bzw. sie) will: Meine Frau hat im Schlafzimmer ihre "heilige Ruhe". Und ich habe im Wohnzimmer unten meinen Fernseher – in meinem, rund 50 Quadratmeter großen, ganz persönlichen, "Schlafzimmer" ohne Laken.

Ist das nicht herrlich, zumal unsere Familienplanung bereits abgeschlossen ist?

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