Der Dachstuhl

Trotz unseres gefährlichen Disputs am immerhin drei Meter tiefen Arbeitsgraben, haben meine Frau und ich beschlossen, unsere Ehe trotz des Hausbaus fortzusetzen. Und zwar, wie vereinbart, bis ans Ende unserer Tage. – Bis an das natürliche Ende unserer Tage, wohlgemerkt!

Jeder von uns beteuert nun, dass er den anderen in Wahrheit in keiner Sekunde seines (ihres) Lebens tatsächlich in den tiefen Arbeitsgraben hinunterstoßen und danach etwaige Prämien von der Unfall- bzw. Lebensversicherung kassieren wollte. Denn, eigentlich haben wir uns ja eh alle sooo lieb. 

Meine Frau hat ihre Fußbodenheizung. Ich habe meine Frau. Was will man mehr...?
Nun stehen wir, Hand in Hand, friedlich auf der Baustelle und sehen zwischenzeitlich sogar unseren Dachstuhl. Dies ist möglich, weil logischerweise auch schon das Obergeschoss aufgemauert wurde. Die Fensteröffnungen wurden an den richtigen Stellen ausgespart (glaube ich jedenfalls). 

Kurzum: Jetzt erkennt man schon das Haus! Bisher war es ja eher eine Schuh-Schachtel. Und zwar eine eher schmutzige. Unsere Kinder fragten mehrfach: "Wird hier eh noch aufgekehrt und angemalt...?"

Zum Wohle unserer kleinen Kinder wurde auch der Arbeitsgraben bereits wieder großteils hinterfüllt. Das heißt: Jetzt können wir in unser Haus schon richtig hineingehen. Bisher mussten wir ja über ein schmales Brett über den Arbeitsgraben hinüber balancieren. Wie es sich gehört, ließ ich auch hier der Dame den Vortritt. 
Ich dachte: Sollte das schmale Brett schon bei meiner Frau (52 kg) einbrechen, wäre ich (86 kg) ja erst recht gefährdet.

Meine Frau (neuer Spitzname: "Bau-Ingenieur") und ich genossen bereits unseren ersten Kaffee (im Pappbecher) in der Rohbau-Küche und blickten in den "Garten" hinaus. 

Es fällt uns nicht schwer, uns um einen guten Kontakt zu den Bauarbeitern zu bemühen. Anfangs sagte ich noch förmlich "Guten Tag, die Herren", jetzt sage ich zu ihnen "Hallo, wie geht’s?", oder "Servus, Janko!" Diese Leute verdienen einfach unsere Hochachtung!

Unglaublich, was diese Männer Tag für Tag leisten! Dieser Tage wurde das Holz für den Dachstuhl geliefert. Das waren ganz lange, schwere Balken. Bereits um 6.30 Uhr morgens kam der "Sattelschlepper" an. Kalt war’s. Aber die arbeiten bei Wind und Wetter.

Klar müssen meine Frau und ich jetzt aufs Geld schauen (sogar auf das Taschengeld der Kinder wird zeitweilig einfach "vergessen"). Aber sieben heiße Leberkässemmeln, sieben saftige, motivierende Wurstsemmeln, dazu wärmenden Tee oder duftenden Kaffee sollte wohl jeder Bauherr für seine Arbeiter kostenlos bereitstellen. Zumindest hie und da. Ebenso Schokolade, denn die dient bekanntlich als Energiespender. Wenn zusätzlich noch Papierservietten gereicht werden, soll dies in erster Linie der besonderen Wertschätzung dienen.

In meinem ganzen Leben habe ich mich körperlich noch nie so angestrengt, wie so ein fleißiger Bauarbeiter an einem einzigen Arbeitstag! Als ich auf der Baustelle – Test-halber – einen Außen-Ziegel aufheben wollte, hätte ich mir beinahe das Kreuz verrissen und wäre grußlos umgekippt.

Traurig, aber wahr: Seit ich den Bauarbeitern bei ihrer Arbeit zugesehen habe, fühle ich mich gar nicht mehr als richtiger Mann.
Der, an sich, recht hagere Polier ist geradezu der Arnold Schwarzenegger gegen mich!
Ich bedanke mich bei meiner Ehefrau, dass sie trotzdem mich genommen hat.
(Andererseits hat sie den Polier, zum damaligen Zeitpunkt, ja noch gar nicht gekannt ...)

Einerseits fordere ich hiermit, dass Bauarbeiter (natürlich auch sogenannte "Hilfsarbeiter") leistungsgerechter entlohnt werden. Andererseits würde das jeden Hausbau wohl empfindlich verteuern.

Was mag in der Psyche eines Bauarbeiters bloß vorgehen?
Bedenken Sie, dass so mancher Bauarbeiter für andere (!) ein schmuckes Wohnhaus nach dem anderen errichtet, aber ganz genau weiß, dass er sich selbst, wahrscheinlich in seinem ganzen Leben, niemals so ein eigenes Haus wird leisten können. Diese Menschen erfüllen zwar einen Haus-Traum nach dem anderen – nur: niemals ihren eigenen. Die verdienen in der Regel relativ wenig und können sich fast überhaupt nichts leisten. Obwohl sie fleißig sind. Und, obwohl sie verdammt viel tun für andere Menschen.

Auch die Kooperation mit dem Elektriker klappt bislang. Er dürfte von seinem Handwerk wirklich etwas verstehen. Auf Anfrage erklärt er mir alles, was ich wissen will – und einiges davon verstehe ich sogar. Ansatzweise.

Angeblich liefert zwar jedes Kabel irgendwie elektrischen Strom, doch welches, wofür genau ist (Computer, Telefon, Licht, Steckdosen etc.), das sehe ich jetzt zum ersten Mal in einem Haus. 

Auch war es für mich sehr interessant, die Frage zu beantworten, wo denn eigentlich unsere Satellitenschüssel montiert werden soll. Meine, locker aus dem Ärmel geschüttelte, Antwort: "Am Dach natürlich!", war dem Herrn Elektriker offenbar etwas zu unpräzise. Schließlich muss diese Empfangs-Anlage ja in eine ganz bestimmte Richtung "schauen" – möglichst zum Satelliten am Himmel. Und in dieser Richtung sollten sich eher keine Hindernisse (z.B. hohe Bäume) befinden.
Ach so?
Na dann!
Außerdem gibt es ja noch die Möglichkeiten weiter links oder weiter rechts am Dach – und an der Außenmauer aufhängen kann man eine Sat-Schüssel ja auch.

Am besten gefällt mir auf der Baustelle (im Haus?), wenn ich auf eine Frage bzw. auf einen (mehr oder weniger) "kleinen Änderungswunsch" die Antwort bekomme: "Machen wir. Kostet auch gar nicht extra..."

Unsere Baufirma verlegt auch das (nicht unwesentliche) Fundament für den Gartenzaun. Danach wird dieses Beton-Fundament auch noch etwa 80 Zentimeter aufgemauert, ehe der Gartenzaun draufgestellt wird. Ich verschränke meine Arme und bin zufrieden. 
So bin ich mir selbst am liebsten.

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