Christine Nöstlinger: "Ich arbeitete bis zu 80 Stunden pro Woche!"

Am 28. Juni 2018 verstarb die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger im 82. Lebensjahr nach kurzer Krankheit. Ihr Tod wurde erst zwei Wochen später bekannt gegeben - und zwar unmittelbar nach dem Begräbnis. Die Familie nahm am 13. Juli im engsten Freundeskreis am Hernalser Friedhof von ihr Abschied.

Knapp zwei Jahre davor durfte ich mein letztes, großes Interview mit Christine Nöstlinger führen. Hier lesen Sie einen Auszug daraus...

Frau Nöstlinger, stimmt es, dass Sie als Kind nur einmal eine Watsche bekommen haben, und zwar von Ihrem Vater?

Christine Nöstlinger: "Ja. Damals wollte ich nicht, dass mir ein Samtkleid über den Kopf gezogen wurde und schlug auf das eitrige Schienbein meines Vaters. Im Reflex gab er mir eine Ohrfeige, für die er sich aber bei mir sofort entschuldigt hat."

Was ist schlimmer für ein Kind: Eine Watsche oder, wenn es von einem Elternteil mit Liebesentzug bestraft wird?

Nöstlinger: "Das lässt sich so nicht beantworten, weil Kinder sehr verschieden sind. Ich kenne erwachsene Menschen, die behaupten: Die Watschen, die sie als Kind bekommen haben, die haben ihnen nicht geschadet. Das war leicht hinzunehmen. Andere Erwachsene sagen: ,Die Watschen, die mir meine Mama gegeben hat, die hat ja ihr viel mehr weh getan als mir.' Ich finde es einfach unzulässig, Kinder zu schlagen. Es verletzt die Würde von einem Kind."

Vor allem ein Schlag ins Gesicht … Ich glaube, das ist das Erniedrigendste, oder?

Nöstlinger: "Das weiß ich nicht genau. Jemanden, wie es in früheren Zeiten war, übers Knie zu legen, die Hose runterzuziehen und auf den nackten Hintern zu schlagen, ist wahrscheinlich noch erniedrigender. Ich finde beides furchtbar. Der Liebesentzug der ist zwar auch nicht lustig, aber der ist auszuhalten. Und der verletzt die Würde von einem Kind nicht. Außerdem kann das Kind auch Liebesentzug betreiben und mit der Mutter nichts reden. Das geht auch … Ich weiß nicht, was ich für ,Verbrechen' oder andere Dinge begangen habe, aber dann hat meine Mutter zu mir gesagt: ,So, und heute redest du mich überhaupt nicht mehr an!' Wenn ich dann eine Viertelstunde später versucht habe, mit ihr zu reden, hat sie sich weggedreht. Aber nach zwei Stunden hat sie es selber nicht mehr ausgehalten."

Welche Erziehungsmethode funktioniert bei Kindern am besten?

Nöstlinger: "Ich hab‘ meine Kinder nie erzogen. Ich glaube, es funktioniert überhaupt nur bei der Betreuung von Kindern; das Vorbild, das man ihnen abgibt. Da gibt es vom Karl Valentin so eine schöne Stelle, wo er sagt: ,Was nutzt denn die ganze Erziehung? Die Kinder machen einem ja doch eh alles nach.'"

Sind Sie dafür, dass Kinder in der Schule römisch-katholischen Religionsunterricht bekommen?

Nöstlinger: "Nein, bin ich nicht dafür. Ich bin dafür, dass es in der Schule einen Ethik-Unterricht gibt, in dem über alle Religionen berichtet wird. Ich habe nichts dagegen, wenn Kinder aus katholischen, evangelischen, islamischen oder jüdischen Familien Religionsunterricht haben, aber den können sie ja bitte außerhalb der Schule haben."

Ihre Mutter war Kindergärtnerin. War das auch einmal ein Traumjob von Ihnen?

Nöstlinger: "Nein! Nie! Auch Lehrerin wollte ich nie werden. Ich bin überhaupt nicht speziell kinderlieb. Ich mag Menschen. Aber zu Kindern habe ich mich nie speziell hingezogen gefühlt."

Einmal sagten Sie, dass Sie keine „schiarchen Kinder“ mögen, und auch Streber, die in der Schule dauernd aufzeigen, nicht besonders?

Nöstlinger: "Das habe ich gesagt …? Manchmal sage ich eben Dinge, wo ich nachher den Kopf drüber schüttle. Manche hässliche Kinder mag ich sehr wohl. Aber eine gewisse Sorte von Kindern, die ich als Kind nicht mochte, die mag ich heute auch noch nicht. Aber ich rufe mich dann immer zur Räson und bin dann auch nett zu diesen Kindern. Ich wäre nicht gern wieder Kind."

Wenn im Jahre 1970 ihr erstes Kinderbuch-Manuskript von "Die feuerrote Friederike" vom ersten Buchverlag, den Sie angeschrieben haben, nicht genommen worden wäre, hätten Sie mit dem Schreiben tatsächlich aufgehört?

Nöstlinger: "Ja."

Das kann ich nicht glauben. Denn wenn in einem die Kreativität, das Schreiben drinnen ist, dann muss das doch einfach raus …

Nöstlinger: "Nein, nein. So ist das nicht. Wenn man, so wie ich damals, eine frustrierte Hausfrau war, die mit ihrem Leben völlig unzufrieden war, die auch gefunden hat, sie hat nichts erreicht im Leben, außer Windeln waschen zu müssen und Essen zu kochen, dann ist man von einem Misserfolg wieder zu deprimiert, dass man eigentlich nicht weitermacht."

Sie haben mehr als 150 Bücher geschrieben. Haben Sie zu viel gearbeitet?

Nöstlinger: "Ich hab' sehr viel gearbeitet. Ich war sicher ein Workaholic, arbeitete bis zu 80 Stunden pro Woche, aber ich hab‘ das gern getan. Überfordert hat mich manchmal die tägliche Arbeit für Zeitungen. Jeden Tag so um 11.30 Uhr einen Artikel mit soundso vielen Anschlägen abliefern zu müssen, das hat mich dann ziemlich überfordert."

Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Nöstlinger: "Ich hab' zweimal einen Krebs überstanden. Ich hab‘ mir vor zwei Jahren bei einem Sturz ein paar Knochen gebrochen, die man nicht mehr zusammen flicken kann, weil die Osteoporose zu groß ist. Das kann man jetzt nicht mehr operieren, weil, da würden die Knochen zerbröseln. Ansonsten laufe ich nicht durch die Gegend, aber ich lebe trotzdem gern. Ich bin eh nie so gern marschiert - es geht auch so."

Was halten Sie, als Raucherin, von den Schockbildern auf Zigaretten-Packerln?

Nöstlinger: "Die Schockbilder kann ich übersehen. Sie sehen ja, meine Schachtel ist halb leer, und erst wie Sie mich fragten, habe ich zur Kenntnis genommen, was auf dem Bild drauf ist. Ich weiß eh, dass Rauchen äußerst ungesund ist. Ich hätte es lieber nie getan und würde es mir gerne abgewöhnen. Aber, das ist nicht so einfach."

"Momente mit Promis" (Inhaltsverzeichnis)

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