Leopold Gratz: Wein und Staatsgeheimnisse

Zu Weihnachten 1996 verriet mir ein Bekannter etwas über das tragische Schicksal des ehemaligen, inzwischen verstorbenen, Wiener Bürgermeisters, österreichischen Außenministers und Nationalratspräsidenten Leopold Gratz (SPÖ). Demnach sollte Gratz nach einer Herzoperation seine Stimme verloren haben, da seine Stimmbänder bei diesem Eingriff schwer verletzt wurden. Besagter Bekannter vermittelte mir sogar ein persönliches Treffen mit Leopold Gratz. Dabei ersuchte mich Gratz allerdings, nichts über seine verlorene Stimme (seit dem Eingriff konnte Gratz für eine ganze Weile nur noch flüstern) zu schreiben.

Ich dachte: „Sch ...“, beherzigte es jedoch.
Die Folge war, dass mir Leopold Gratz bei unserem zweiten Treffen nahezu über jedes Detail dieser verhängnisvollen Operation Auskunft gab und ich diesmal tatsächlich alles schreiben durfte!

Unser drittes Treffen fand dann bei ihm zu Hause statt. Frau Gratz servierte Suppe, Leopold Gratz öffnete die eine und andere erlesene Flasche Wein. Wir plauderten stundenlang miteinander, sogar über Staatsgeheimnisse!

Ja, ich wollte, letztendlich lallender Weise, von ihm wissen, wie das denn mit den Staatsgeheimnissen konkret funktioniert. – Ich meine: Werden die Staatsgeheimnisse irgendwo aufgeschrieben? Und dann an die nächste Regierung, gegebenenfalls an sozusagen „feindliche“ Parteien einfach so weitergegeben?

Angenommen, eine rote Regierung hat mit der Zeit, sagen wir, 13 Staatsgeheimnisse aufgebaut. Und hütet diese wie ihren Augapfel …
Sagen die Roten dann zu den Blauen, wenn die Blauen an die Macht kommen sollten: „Ach ja, noch was: Da habt’s auch noch unsere Staatsgeheimnisse“?

Ich weiß es nicht! Ich meine, ich habe mit dem Leopold Gratz damals zwar auch darüber gesprochen – aber glauben Sie mir: Ich war so besoffen, dass ich mir einfach nichts mehr gemerkt habe. Leider habe ich mir kein einziges Staatsgeheimnis gemerkt. Nur eines weiß ich heute noch ganz genau: Der Wein war gut …
Obwohl es kein roter war …

Als ich gegen Mitternacht zu meinem Auto hinunterwankte, lallte ich in Richtung Leopold Gratz: „Und was soll ich machen, wenn mich jetzt die Polizei aufhält?“ Daraufhin meinte Gratz lächelnd: „Dann rufen S’ mich einfach an …“

Ich habe ihn sehr gemocht, den Leopold Gratz. Und er mich offenbar auch ein bisserl. Bestes Beispiel: Einmal brauchte ich dringend ein Interview mit Österreichs Ex-Bundeskanzler Dr. Fred Sinowatz, der damals, nach seinem politischen Ausscheiden, zurückgezogen in Neufeld im Burgenland lebte. Ich rief Sinowatz an, unterbreitete ihm höflich mein Interview-Ansuchen, doch er sagte: „Bitte haben Sie Verständnis dafür, aber ich gebe keine Interviews mehr.“
Daraufhin rief ich sofort „meinen“ Leopold Gratz, „seinen Parteigenossen“, an und petzte ihm, dass ich so verzweifelt sei, weil der Sinowatz nicht mit mir reden wollte. Daraufhin meinte Gratz zu mir: „Momenterl ... ich rufe Sie gleich zurück.“
Und stellen Sie sich vor: Keine drei Minuten später tat er dies tatsächlich und teilte mir mit: „Sie dürfen den Freddy sogar in seinem Haus besuchen. Er gibt Ihnen gerne das Interview. Weil ICH sagte zu ihm: Freddy, das ist gut so ...“

Wer weiß, ob ich nicht auch eine politische Karriere gemacht hätte, hätte ich den Leopold Gratz früher kennen gelernt.

PS: Betrunken Autofahren tu‘ ich natürlich längst nicht mehr. Ich meine: Der Leopold Gratz ist tot. Wer sollte mir da jetzt noch aus der Patsche helfen?

PPS: Jetzt, wo sich der Nebel langsam lichtet, erinnere ich mich auch tatsächlich wieder an ein Staatsgeheimnis.
Aber das war eigentlich gar nicht so besonders. Das war ungefähr so, wie wenn der Zilk den Tschechen verraten hätte, dass es in Wien Wiener Schnitzel gibt …

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