Pierre Brice: Bei mir verlor der edle „Winnetou“-Darsteller etwas seine Beherrschung

Pierre Brice mit Ehefrau Hella

Jeder kannte den französischen Weltstar Pierre Brice. ER war und bleibt Winnetou! ER ist das Original.

Dezember 1994. Wenige Tage vor Weihnachten. Pierre Brice spielte gerade in Wien Theater. Im Stück „Eine schöne Bescherung“, das er mit bearbeitet hatte und in dem er die Hauptrolle, einen Großvater, spielte. Diese Theater-Premiere wurde von einigen österreichischen Journalisten verrissen. Für Pierre Brice war somit der Tatbestand der Beleidigung erfüllt.

Deshalb glaubte ich anfangs auch gar nicht so recht daran, dass mir Pierre Brice ein Exklusiv-Interview geben würde. Ich dachte, er wäre sauer, würde alle Journalisten in einen Topf werfen und sie anschließend (gedanklich) am Marterpfahl ihrer gerechten Strafe zuführen.
Doch ich, das „Bleichgesicht“, hatte sich geirrt.

Wir trafen einander im Café eines Wiener Hotels zum Interview.
Pierre Brice hatte eine unglaubliche Ausstrahlung: Seine Augen. Sein schwarzes Haar … Als er auf mich zuschritt und dadurch immer größer und größer wurde, ertönte in meinem Geiste die weltberühmte Winnetou-Melodie.

Ich presste meine Backenzähne aneinander. – Versuchte meine rechte Augenbraue etwas hoch zu ziehen. Und fühlte mich dadurch ein bisserl wie der Old Shatterhand… Gleichzeitig dachte ich an die Millionen Kinder, Mädchen, Frauen, Männer, die mich nun um diese Momente, um dieses persönliche Gespräch mit Pierre Brice, beneiden würden.

Nachdem wir einander die Hände zum Gruß reichten, nahm er mir gegenüber Platz. Soweit, so gut. Nur: Der Tisch, der uns trennte, war ungefähr vier Meter lang. Sollte ich meine Fragen nun zu ihm hinüber rufen? Wo sollte ich mein Tonbandgerät hinstellen? – Vielleicht direkt vor Pierre Brice? – Doch dann wären meine Fragen nicht zu hören ... „Wenn ich hingegen das Aufnahmegerät direkt vor mir aufstelle, sind seine Antworten nicht zu hören“, kombinierte ich weiter. „Und wenn ich das Tonbandgerät genau in der Mitte des Tisches aufstelle, hört man keinen von uns beiden ... Warum setzt sich die Rothaut nicht neben mich? Kann Winnetou Journalisten denn jetzt überhaupt nicht mehr riechen?“ Als ob Pierre Brice meine Gedanken gelesen hätte, stand er plötzlich auf, kam zu mir herüber und nahm direkt neben mir Platz. Die Situation war gerettet. Winnetou hat ein weiteres Problem gelöst. Wie edel. Jetzt konnte ich die ungemein angenehme, rau-sanfte Stimme des berühmten Franzosen ganz deutlich hören: „Nun, wir können beginnen!“, sagte er.

Das Interview konnte in deutscher Sprache geführt werden. Pierre Brice wirkte ruhig und besonnen. – Ein wenig distanziert in jedem Fall, aber souverän. Ihn konnte nicht einmal meine Frage aus der Ruhe bringen, bei welcher Gelegenheit er denn als „Winnetou“ entdeckt wurde. Er meinte zwar: „Ich denke, diese Geschichte kennt inzwischen wohl ein jeder, aber ich erzähle sie gerne noch einmal ...“ Dann berichtete er, dass er bis zu seinem ersten Winnetou-Streifen bereits rund 50 Filme in Frankreich, Spanien und Italien gedreht hatte. Und im Jahre 1962, bei den Berliner Film-Festspielen, den Produzenten Horst Wendlandt traf. Wendlandt suchte gerade den Titel-Helden für seinen geplanten Winnetou-Film. Wendlandt sah Pierre Brice und sagte: „Das ist mein Winnetou!“

Doch zu diesem Zeitpunkt wusste Pierre Brice noch nicht einmal, wer Winnetou und Karl May überhaupt waren. Der Grund: Beide waren in Frankreich noch weitgehend unbekannt. Doch ehe Pierre Brice erstmals als Winnetou über die Prärie reiten durfte, hat er alle Winnetou-Bücher gelesen, sagte er mir.

Auch meine Fragen über seinen legendären Blutsbruder Old Shatterhand, gespielt vom ebenso charismatischen Lex Barker, beantwortete Pierre Brice wahrscheinlich bereits zum 100.000 Mal – allerdings ebenfalls ganz ruhig: Er berichtete mir, dass Lex Barker und er miteinander nicht nur im Film befreundet waren, sondern auch privat (da waren sie allerdings keine Blutsbrüder). Obwohl Lex Barker um zehn Jahre älter war als Pierre Brice, war der Franzose stets ein bisschen wie ein Vater für ihn. Lex Barker war in Beziehungen zu Frauen, laut Brice, sehr naiv. Lex Barker ist daher oft zu Pierre Brice gekommen und wollte von ihm Rat. Und der edle „Winnetou“ hat ihm natürlich auch dabei gerne geholfen.

Zum wahrscheinlich 200.000 Mal beantwortete Pierre Brice auch die Frage nach seinem Lieblings-Film der Winnetou-Reihe: „Es ist ,Winnetou III‘! – Wo Winnetou stirbt“, antwortete er. „Für mich ist es sehr schön zu sterben – allerdings nur im Film …“

Ich finde es große Klasse, wie ruhig und ausführlich Pierre Brice alle meine Fragen beantwortet hat. Man muss sich vorstellen: Dieser Mann hörte seit Jahrzehnten in der Regel immer dieselben Fragen. Wenn er ausging, sogar Tag für Tag. Und er blieb trotzdem cool! Hatte keine Allüren. War echt nett. Einmal mehr ist somit bestätigt: Wahre Stars zeigen keine Star-Allüren! Die zeigen nur jene, die im Prinzip nichts Anderes vorzuweisen haben.

Nach den insgesamt elf Winnetou-Filmen – an deren Einspielergebnissen Pierre Brice finanziell nicht beteiligt war –, spielte er den Apachen-Häuptling jahrelang bei diversen Winnetou-Festspielen (Wien, Bad Segeberg usw.). Den Winnetou konnte er in vier Sprachen spielen: In Französisch, Deutsch, Englisch und Italienisch. Die Winnetou-Filme sind in ganz Europa, in Japan und (erst) seit 1994 auch in Amerika bekannt.

Gegen Ende unseres Interviews kamen wir auf die Kritiker seines soeben in Wien präsentierten Theaterstücks zu sprechen. Und endlich verlor der edle Franzose zumindest ein bisschen die Fassung. Denn: Die harte Kritik des bekannten Journalisten der „Kronen Zeitung“, Michael Jeannée, hat ihn besonders getroffen. Jeannée schrieb sinngemäß, dass sich Old Shatterhand im Grab umgedreht hätte, wenn er dieses Theaterstück gesehen hätte. Als Reaktion darauf diktierte mir Pierre Brice die folgenden, bislang unveröffentlichten, Zeilen ins Mikrofon: „Bei mir zu Hause, in Frankreich, hätte ich Michael Jeannée seinen Artikel mit aller Macht fressen lassen! Wenn ich das in Österreich gemacht hätte, wäre ich am nächsten Tag im Gefängnis gesessen – in Frankreich aber nicht ...“

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