Rudolf Kirchschläger: Bei Österreichs Alt-Bundespräsidenten blamierte ich mich – Oder: Jeder Trottel kann Journalist werden

Wir schreiben das Jahr 1993, ich blätterte im Telefonbuch und rief Dr. Rudolf Kirchschläger einfach an.

Freizeichen. Tüt ... Tüt ...

„Kirch-schlä-ger!“
„Grüß Gott, Herr Doktor Kirchschläger. Mein Name ist Gerald Vukits. Ich plane für die Zeitung ,Täglich Alles’ eine neue Serie mit dem Titel ,Mein Weg an die Spitze’. In dieser Serie sollen große Österreicher über ihre Karriere erzählen. Und ich würde Sie so gerne interviewen!“, plapperte ich meinen vorbereiteten Text herunter.
Kirchschläger: „,Große Österreicher‘ sagen Sie? Na ja, ich bin einen Meter 83 groß. Wenn das genügt ...?“

Kurzum: Ich vereinbarte meinen ersehnten, ersten Interviewtermin mit dem unvergesslichen österreichischen Staatsoberhaupt bei sich zu Hause.
Bei meinem Interview mit Rudolf Kirchschläger passierten mir allerdings gleich zwei Peinlichkeiten. Die erste war, als ich ihn während des Interviews nach seinem Geburtstag fragte …

Zu meiner – lächerlichen – Entschuldigung sei zwar gesagt, dass es damals noch kein Online-Lexikon Wikipedia gab, in dem ich mich auf das Interview hätte vorbereiten können. Aber in einem gedruckten Lexikon hätte ich doch vorher nachschauen können … Tat ich aber nicht, weil ich kein Lexikon zu Hause hatte.

Aber da sehen Sie wenigstens, dass im Prinzip ein jeder Trottel Journalist werden und Prominente interviewen kann – sofern er nur die Chance dafür bekommt.

Glücklicher Weise hatte ich es bei meinem ersten Interview mit dem gütigen Rudolf Kirchschläger zu tun und nicht etwa mit einem Paulus Manker in Geberlaune. 
Und glücklicher Weise erfuhr auch Kurt Falk niemals davon, dass ich Rudolf Kirchschläger nach seinem Geburtstag gefragt hatte. Ich weiß zwar nicht, was Falk mit mir gemacht hätte, aber das will ich auch gar nicht wissen.

Rudolf Kirchschläger antwortete auf meine peinliche Geburtstags-Frage, milde lächelnd: „Ich wurde am 20. März 1915 geboren.“ Sein schmunzelnder Nachsatz war: „Ist eben schon lange her ...“

Die zweite Peinlichkeit spürte ich in mir aufkommen, als mich der Alt-Bundespräsident, nach dem Interview, zur Eingangstür seines Hauses begleitete. In der Garderobe zog ich meine Schuhe an, stellte dabei aber mit Schrecken fest, dass ich ihm zuvor, beim Eintreten, herbstliches, gatschiges Laub in das saubere Haus getragen hatte. Ich glaub’, Hundescheiße war auch dabei.

Entsetzt rief ich: „Jessas, Herr Doktor, ich habe Ihnen alles schmutzig gemacht ...!“ Sofort stürzte ich zu Boden und begann, mit bloßen Händen, zumindest das Laub aufzuklauben.

In diesem Moment wurde der Alt-Bundespräsident – ja, ich muss es sagen – ein bisschen „handgreiflich“: Er zog mich äußerst sanft wieder hoch und befahl mir mit zittriger Stimme: „Lassen S‘ das liegen!“

Ich aber bückte mich erneut und widersprach dem ehemaligen Staatsoberhaupt mit den Worten: „Aber, den Dreck habe doch ICH hereingebracht!“

Daraufhin meinte Kirchschläger, diplomatisch: „Lassen S´ das! Das Laub liegt in meiner Wohnung – also ist es mein Laub ...“

Wir verabschiedeten uns und trafen einander nie mehr wieder …

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